stübchenspringer

UNTERM SAFT GEHT’S WEITER / 85

„hallo, und was soll’s bei dir sein?“
„n’abend, mach’ mir einen pott, gieß mir einen pott von 240 stübchen ab.“
„ich geh’ mal von einem pott kaffee aus?“
„ne, zieh einen pott bier aus 240 stübchen raus, alkoholfrei.“
„alles klar.“
sie stellte eine 0,33 l flasche alkoholfreies bier vor mein gesicht.
„bitte schön.“
„ich danke dir.“
oh, herrlich, eiskalt das gesöff. ich zog das teil in zwei heftigen zügen runter.
„noch ein teil vom stübchen?“ fragte sie mich lächelnd.
„unbedingt.“ antwortete ich, „vier pott sind ein stübchen, wer steht schon gern in nur einer ecke rum.“
„bittschön.“
„danke.“
kam das überhaupt hin? 1 fuder waren gleich 4 oxhoft, 4 oxhoft sind 6 ohm, 6 ohm sind gleich 24 anker, 24 anker gleich 120 viertel, 120 viertel gleich 240 stübchen, und 240 stübchen sind 480 kannen, 480 kannen sind 960 pott.
nach acht alkoholfreien bieren hatte ich wahrlich genug.
„zahlen bitte.“
„geht gleich los.“ sie nahm einen zug von ihrer zigarette, legte sie ab und holte ihren zettel: „siebzehn euro sechzig.“
„für zwei stübchen?“ fragte ich ungläubig.
„für acht kleine pötte. acht pöttchen.“ antwortete sie.
„achtzehn.“ sagte ich. 
„danke.“ kam es zurück und ich steckte die rausgegebenen zwei euro ein. ein viertel stübchen wär noch dringewesen.
 
der mann ging zurück in sein stübchen. zwei leere ecken. zwei zugestellte. keine kannen, keine anker, nur das stübchen. in was für einem viertel lebte er überhaupt. totenstille. selbst im sommer. ab und an mal ein türenzuschlagen an einem auto von den parkplätzen her oder, wenn nach ostern eine omi wieder weggebracht wurde, ein kurzes durchdringendes hupen beim anfahren, schreck genug, daß der mann hochfuhr. ansonsten nichts. zur nächsten kneipe ein dreißig minütiger fußmarsch.
vier ecken. nichts. 100 fuder mist in keiner fuhre. fuderweise staub im schuh. 
’wieviel fuder wein hier wohl schon gesoffen wurden? eins? aber 1000 bis 1800 liter bier bestimmt. 7200 oxhoft, 10800 ohm, 259200 anker, 31104000 viertel, ach, scheiß auf die stübchen, kannen und pötte…’ durchstaubte es den mann.
als das telefon klingelte ging er ran: „hier ist martina, bin morgen wieder beim professor, mir die spritze abholen, würd’ gerne mit dir mal wieder ein käffchen trinken.“
„pott, tasse oder kanne?“ fragte der mann.
„ist mir egal, hauptsache ein käffchen mit dir.“
„ich muß selber zum arzt morgen.“ sagte der mann.
„wann?“ fragte sie.
„weiß ich noch nicht.“ anwortete der mann und legte auf.
vier ecken. in nur einer stand das telefon. in nur einer stand der fernseher, auf dem fernseher ein grünblauer fisch mit einem weitaufgerissenem maul und großen augen. in dem maul ruckte sekündlich ein kleiner bunter fisch als zeiger weiter, und der zeitmaulaufreißende fisch hatte auf seinem schädel und dem kugelrunden leib dicke hoch stehende stacheln aus hartem gummi, ein stachelfisch, ein seeigel der zeit. 
zwei leere ecken. in der einen die tür, in der anderen eine ratte aus stoff. wenn man die ratte anfaßte, fühlte sie sich an, wie mit kleinen kieselsteinchen gefüllt. die ratte tat gut in leeren händen. eine leere ecke und der mann öffnete die tür. die leere geöffnete ecke führte ihn raus aus dem stübchen, raus ins leere geschehen, ins pötte zählen und mösensuchen, ins strafzettel einfangen und schwarzwurzelnkaufen, ins kopfschmerzen nach draußen tragen und ins vermeiden von herpeslippenküssen. 
der mann ging zurück ins stübchen und schloß die tür der leeren ecke, griff sich die ratte und knetete sie durch, ein hauchdünnes knirschen drang aus ihrem leib, der mann spürte es sogar bis ins knirschen seiner zähne, doch es verlor sich beim läuten seines telefons: „ja?“ 
„dein verleger ist dran, enno hier, muß mit dir nochmal über die prozente reden, lust auf’en pott kaffee bei dir?“ 
„nee, geht nicht, mein lieber, karina ist grad hier, die findet mein stübchen so schön.“
„stört mich nicht, wenn die da sitzt.“
„na, dann komm halt rüber.“
der mann rauchte, überlegte, ob 1 mal 100 prozent verschüttete stübchen in seinem stübchen auch nur einen anker werfen könnten, wußte jedoch, daß mehrere menschen im mit- und durcheinander entleeren ihrer ohme auch in einem stübchen den staub nur vorübergehend von einer ecke in die andere umquartierten.

 

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