Geradliniges Festivaljubiläum in Luzern

Alljährlich Mitte November steht das Luzerner Blues Festival als einer der letzten im Jahr und eines der bedeutensten Events der europäischen Bluesszene an. Diesmal luden die Macher um den neu gewählten Präsidenten Martin „Kari“ Bründler und Gründer Guido Schmidt zum 20. Mal in die Schweiz ein. Mit ihrem einzigartigen Konzept und viel Engagement weit ab der leider zu oft Schule machenden Tendenz zu Headlinern oder allbekannten Gitarrenakrobaten der Rockmaschinerie muß man den Hut ziehen – Respekt!

Ein Rückblick auf das 20. Annual Lucerne Blues Festival von Karsten Spehr (Text und Fotos)

Leider konnte ich in diesem Jahr erst einen Tag später anreisen, da in Chemnitz der legendäre Otis Taylor ein Konzert gab. Doch auch bei den Konzerten am Freitag und Samstag waren noch zehn sehr verschiedene Bands und durchweg gute Musiker zu erleben.

Natürlich liegt die Messlatte, bei Leuten wie mir die schon unzählige Konzerte jedweder Couleur zwischen Blues, Rock und Jazz im europäischen Raum gehört haben, ziemlich hoch. Viel hat es auch mit subjektiven Empfindungen zu tun, ob einen eine Band mehr oder weniger anspricht. So empfand ich das 20. eher als relativ geradlinig und risikofrei. Damit will ich keineswegs dem Können der gesamten Künstlerriege etwas absprechen. Heraus stachen für mich die aus Australien stammende und in L. A. lebende Kara Grainger mit ihrem Quartett, die Blueslegende Jimmy Johnson, die ebenfalls von L.A. kommenden 44‘s, Cyril Neville, Sugaray Rayford und vor allem die herzerfrischenden Gewinner der EBC von Riga- A Contra Blues aus Spanien.

Die Newcomerin und Gitarristin Kara Grainger glänzte mit heißen Slide-Riffs sowie einer überzeugenden Stimme und vereinte Folk- und Soulelemente mit Swamp-Blues. Vor ihrer Zugabe, gab es noch ein wunderbares angerocktes „Wipping Post“ der Allman Brothers in ihrer ganz eigenen Version zu genießen, ehe der renommierte Gitarrist Kirk „Eli“ Fletcher zur Band stieß und sie es nocheinmal richtig los bluesten. Man darf gespannt sein, was von ihr noch zu hören sein wird.

Dann war Chicago-Blues angesagt mit dem 86 jährigen Jimmy Johnson begleitet von keinem geringeren als Dave Specter und seiner Band sowie dem Schweizer Blues- und Jazz-Saxophonisten Sam Burckhardt. Johnson bot authentischen Blues vom Feinsten und auch seine stimmlichen Qualitäten ließen nichts zu wünschen übrig. Leider gingen mit Herrn Specter an der Gitarre zu oft die Pferde durch, so dass er Johnson fast niederbügelte und es meiner Meinung nach etwas an Respekt gegenüber dem trotz seiner Jahre immer noch beachtlich aufspielenden Meister fehlen ließ. Schade.

Es folgte eine geballte Ladung Soul von Altmeister und Stammgast in Luzern Otis Clay in ganz großer Besetzung und seinem Kollegen Johnny Rawls. Mit den mit Backgroundsängerinnen standen da elf Leute auf der Bühne. Wie immer war das eine tolle Performance, aber man muß ihn mögen diesen etwas arg soften Soul.

Schließlich und endlich rockten die 44‘s aus Los Angeles im Quintett (Johnny Main – Gitarre, Gesang, Jakob Huffmann – Harmonica, Jason Lozano an den Drums und Mike Hightower am Bass), verstärkt durch Kirk „Eli“ Fletcher an der Gitarre, die Hauptbühne des Casinos. Optisch wie eine sehr coole Rockergang einherkommend zelebrierten sie einen herrlich treibenden Boogie und rauhen, erdigen zeitgenössischen Blues, der seine Wurzeln bei Albert Collins, Muddy Waters oder Howlin Wolf nicht verheimlichte.

Gefolgt wurde das von einer geballten Ladung aus „afro-amerikanischem“ Entertainment und beachtlicher Gelenkigkeit, des Hünen Sugaray Rayford, welcher die Bühne im wahrsten Sinn des Wortes, mit seiner zehnköpfigen Formation und wunderbarem Soul und R&B zum Beben brachte. Specialguest Bob Corritore und sein Können an der Bluesharp in allen Ehren, aber das hatte die Band eigentlich nicht nötig gehabt. Sugaray, derzeitiger Frontmann der Mannish Boys, eröffneten auch den letzten Abend in gleicher furioser Weise mit dem virtuos agierenden Jonathan Michael Westerfield an den Saiten und so Klasse-Nummern wie „Stuck For A Buck“, „Born Under a Bad Sign“ von Albert King oder dem Albert Collins Slowblues „I‘ll Play The Blues For You“.

Nun war Cyrill Neville, der jüngste der legendären Neville-Brothers, mit seinem Quintett an der Reihe. Mit der Rhythmusgruppe der Royal Southern Brotherhood (Charlie Wooton und Yonrico Vondez Scott ) im Rücken legte der Sänger, Poet und Percussionist mit jeder Menge groovendem Funky-Soul-New Orleans-Stoff los und bot eine mitreißende Performance. Auch wunderbare Balladen wie „Something Got A Hold On You“ oder die Funknummer „Running Water“ von seinem aktuellen Album „Magic Honey“ fehlten nicht.
Es folgte der von vielen heiß erwartete zweifache Grammy-Preisträger Delbert McClinton, ein vielgerühmter Rhythm and Blues-, Soul- und Country-Sänger aus Texas. Handwerklich ließ der 74 jahrige nichts zu wünschen übrig und die Fans tobten. Mir war das alles aber leider, mit Ausnahme von ein paar Songs wie dem funkigen „Shaky Ground“, viel zu glattgespült. Das waren zuviele Gassenhauer-Rock-Anklänge a la Status Quo.

Schließlich beschloss, wie schon seit vielen Jahren üblich, eine Zydecoband das Festival auf der großen Bühne. Diesmal gastierte Buckwheat Zydeco zu Gast, der auch schon häufiger bei diesem Festival gespielt hat. Der oft als Botschafter der eigentlichen Tanzmusik aus Louisiana bezeichnete Bandleader Stanley Joseph Durai ist übrigens der erste Zydeco-Interpret dessen Musik auf einem Major-Label veröffentlicht wurde. Zudem hält er mit seiner Band den Rekord der drei weltweit meistverkauften Zydeco-Alben. Natürlich brachte er im Handumdrehen mit seinen treibenden Rhythmen die Verbliebenen zum Tanzen. Was ich dabei bemerkenswert fand, sind die häufig einfließenden Jazz-Elemente. Die waren mit Sicherheit nicht zuletzt seinem hervorragenden Trompeter Curtis Jr. Watson geschuldet.

Dann war es auch schon fast vorbei. Zwei Gigs standen noch an bzw. überlappten sich teilweise mit Buckwheat Zydeco. Zunächst waren das die spanischen Newcomer und European Blues Challenge-Gewinner von Riga 2014 A Contra Blues. Das junge Quintett überraschte nicht nur mich, denn das Cassineum füllte sich in Null Komma Nichts. Herzerfrischend und mit anscheinender Leichtigkeit wandelten die Spanier und eine Spanierin (am Schlagzeug die junge beeindruckende Núria Perich Chastang) durch ein sehr vielschichtiges Programm vom Gospel, Blues, Soul bis R&B und hatten das Publikum trotz später Stunde auf ihrer Seite. Eine feine Band, die wir im Auge behalten sollten.

Beschlossen wurde dann das 20. Luzerner Blues Festival mit dem fetten Sound der 44‘s featuring Kirk „Eli“ Fletcher und jeder Menge Musikerkollegen, die auch gern nochmal jammen wollten in den Morgenstunden. Wir dürfen hoffen das die Luzerner noch 20 Jahre weitermachen. 

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