Uwe Roßner sprach mit der Choreographin Anna Huber, die 2010 mit dem Schweizer Tanz- und Choreographiepreis ausgezeichnet wurde, über ihre Teilnahme an den 18. Tanztendenzen, über Grenzen und den Austausch mit dem Publikum. Foto: Bettina Stöss.

Uwe Roßner im Gespräch mit der Choreographin Anna Huber

Frau Huber, vor 16 Jahren gaben Sie bei den Tanztendenzen mit dem Solo „in zwischen räumen“ ihr Debüt. Wie war es für Sie, wieder nach Greifswald zurück zu kehren? Was bedeutete es Ihnen?
Ich freute mich sehr darüber. Es ist schön, wieder an einem Ort zu sein, an dem ich eines meiner allerersten Stücke präsentierte. Es war etwas besonderes, zum gleichen Festival und in das gleiche Theater zurück zu kommen. Die Tanztendenzen genießen einen guten Ruf. Achtzehn Jahre sind eine lange Zeit und es braucht viel Kraft und Ausdauer, so ein Festival zu etablieren.
 
Was erlebten Sie 1996 bei den Tanztendenzen?
Es war damals das zweite Jahr. Wir waren alle in den Anfängen. Am Theater waren Tanzgastspiele zu dieser Zeit noch nicht üblich. Interessant war es für beide Seiten, sich anzunähern. Für alle war es bereichernd und neu. Die freie Szene und der Betrieb in einem Stadttheater haben verschiedene Arbeitsabläufe. Spannend war, die Vorteile der jeweils anderen Seite zu nutzen. Für die Techniker war es damals beispielsweise eine tolle Überraschung, ihr Haus in einem neuen Licht zu sehen. Das erforderte exaktes Arbeiten und machte schließlich allen Spaß.
 
Was macht die Tanztendenzen exzeptionell?
In Greifswald hat das Festival dazu beigetragen, den zeitgenössischen Tanz dort zu fördern, wo es dafür vorher keine Tradition gab. Und dies nicht allein vor Ort, sondern weit über die Region hinaus. Toll ist die Offenheit der Organisatoren für die verschiedensten aktuellen Strömungen. Das ist nicht so selbstverständlich, so üblich und andernorts nicht so bewusst beabsichtigt. Die Bandbreite ist eine Frage des Blickwinkels. Außerdem ist es wunderbar, wie viele choreographische Handschriften und Länder mittlerweile das Festival nach Greifswald gebracht hat.
 
Die Tanztendenzen gelten als eine der ersten Adressen für junge internationale Nachwuchschoreographen. Wie beurteilen Sie das?
Einmal stand ich ja bereits in Greifswald als junge Tänzerchoreografin auf der Bühne. Das war mit dem Solo „in zwischen räumen“. In Berlin hatte es 1995 Premiere und mit dem Stück war ich international sehr viel unterwegs. So trifft das für meinen Fall nicht mehr zu. Problematisch ist bei vielen Festivals, dass sie immer nur auf der Suche nach Neuem sind. Es ist auch wichtig, aktuelle Werke, Entwicklungen und vertiefte/unterschiedliche Aspekte der Arbeit von Choreographen zu zeigen. Die Einladung zu den Tanztendenzen schätze ich daher sehr. Es ist toll, wenn so ein Dialog zwischen Künstlern, Veranstaltern und Publikum entsteht. Es geht ja um den einzigartigen Moment der Aufführung, in der ein Stück frisch und lebendig ist.
 
Was halten Sie von den Workshops, die innerhalb des Festivals von Tänzern und Choreographen für die interessierte Öffentlichkeit zum Mitmachen angeboten werden?
Für das Publikum ist das eine Bereicherung. Es kann sich direkt mit dem Künstler über seine Arbeit austauschen oder Fragen stellen. Den eigenen Körper lernte es erfahren und dass Stückideen aus etwas Konkretem entwickelt werden. Der zeitgenössische Tanz arbeitet mit dem eigenen Körper als Instrument und lotet dessen Möglichkeiten immer wieder neu aus. Jeder Zuschauer sitzt abends selbst mit seinem Körper in der Aufführung.
 
Migration, politische Konflikte und der Suche nach dem Gemeinsamen bilden den diesjährigen Festivalschwerpunkt? Wie passt ihr für den Eröffnungsabend mit ausgewähltes Stück „Aufräumen im Wasserfall“ dazu?
Das sind Themen, die uns noch viel stärker prägen werden, als es sie es schon lange tun. Während der Recherche und Stückentwicklung von „Aufräumen im Wasserfall“ waren Themen wie die Suche nach Orientierung, die allgemeine Verunsicherung, das menschliche Grundbedürfnis, sich niederzulassen, sich zu verorten, sich einzurichten zentral. Es geht darin um Grenzen in den unterschiedlichsten Formen und die Suche nach Schutz. Es entsteht ein poetischer Kosmos, der sich immer wieder neu definiert und wo alles Selbstverständliche in Frage gestellt ist. Ich finde es interessant, das Stück jetzt in diesem Zusammenhang zu sehen.
 
Wie entstand für „Aufräumen im Wasserfall“ die Zusammenarbeit mit einem der derzeit wichtigsten Schweizer Video- und Lichtkünstler Yves Netzhammer?
Durch ein Atelier-Stipendium lernten wir uns vor sieben Jahren in London kennen. Regelmäßig haben wir unsere Arbeiten gegenseitig angeschaut und waren allerdings mit eigenen Projekten beschäftigt. Der Wunsch und die Idee etwas zusammen machen und dabei etwas Neues entwickeln, entstand schon in London. „Aufräumen im Wasserfall“ ist unsere erste Zusammenarbeit und Ideen gibt es noch viele. Mit dabei ist der Musiker Martin Schütz. Mit ihm arbeite ich seit 13 Jahren zusammen. Beide Künstler kommen nach Greifswald, um am Abend Musik und Video live einzuspielen. Durch diesen direkten Dialog bekommt die Aufführung eine ganz andere Intensität und Einmaligkeit.