Lange hab ich hin und her überlegt, wann ich denn das erste Mal in meinem Leben bewußt Rockmusik gehört hab. Denn bei uns zu Hause war strikte Klassik-Diät angesagt. Am Radio durften wir Kinder nicht rumspielen, um den Deutschlandfunk nicht zu verstellen, der zum Morgen- und Abendritual in den Jahren gehörte, wo wir noch keinen Fernseher hatten. Die einzigen Ausnahmen von Klassikbeschallung, an die ich mich in der früheren Kindheit erinnere sind die Wunschkonzerte am Sonntagmittag mit Blasmusik und Schlagern und so.

 

Doch dann: Es war irgendwann 1975 oder 1976. Ich war zu Besuch bei einem Klassenkameraden. Und der durfte an den Plattenspieler seines Bruders, wenn der nicht da war. So legte er eine LP auf: Die Puhdys. Nur ein Lied war es, was wir hörten, weil dann sein Bruder doch wieder kam und uns vertrieb. "Vorn ist das Licht, du kannst es sehen, beim vorwärts gehen…" Das war was anderes als Mozart oder Böhmische Polka. Ob das gut war? Das wagte ich damals nicht zu entscheiden. Es war anders, es hatte Gitarren, es hatte Schlagzeug. Und es würde meinen Eltern sicher nicht gefallen. Doch, es beeindruckte mich schon. Auch wenn ich keine Ahnung hatte – und mich auch nicht wirklich dafür interessierte, wer denn diese Puhdys eigentlich waren. Schon allein die Tatsache, dass es da eine andere Musik irgendwo gab, war faszinierend.

Eine Zeitlang hatte ich das Hobby, mir Bandnahmen auszudenken, unter denen ich berühmt werden wollte. Und ich suchte im Radio nach solcher Musik. Damals war das noch wirkliche Mangelware nicht nur im DDR-Radio. Und ich hatte ja überhaupt keine Ahnung. Wußte nichts von den Beatles oder Stones, hatte den Namen Bob Dylan zwar schon gehört, verband aber nichts damit. Von Deep Purple oder Led Zeppelin ganz zu schweigen. "Vorn ist das Licht" – eine Verheißung die mir nicht aufging. Die Puhdys wurden nicht zu meinen Helden. Dafür bemerkte ich wenige Jahre später zu deutlich den erhobenen pädagogischen oder propagandistischen Zeigefinger in all ihren Texten – dann in den 80ern oder die Peinlichkeit ihrer Versuche, sich an den unbeschwerten Spaß der Neuen Deutschen Welle anzuhängen. Das wars wirklich nicht, das Licht.

Eine eigene Bandkarriere, acht Jahre später, endete glücklicherweise nach nur zwei Auftritten. RMT waren nicht der Stoff für Stadionkonzerte. Zu hölzern waren die Texte eines Klassenkameraden. Zu steif meine Wenigkeit am Klavier. Zu absonderlich die Gitarre mit dem selbstgebauten Verzerrer. Nur ein große Erinnerung bleibt: Beim Fest junger Talente das versteinerte Gesicht der Jury nach unseren drei Liedern. Der Zeichenlehrer völlig entgeistert: Das ist doch keine Musik, das ist ja Rock! Das war's auf jeden Fall wert. Und der Saal tobte.