kappenlos

fliegender teppich. würd ich mich heute gar nicht mehr rauftrauen. eine tarnkappe. das wär’s. 
doch sie verkaufte mir vor meiner wohnungstür etwas anderes.
„guten tag, scheren- und messerschleifer. sollen wir ihnen was schleifen? wieder richtig scharf machen? küchenmesser vielleicht?“
erst dachte ich, die frau wollte mich verarschen, aber irgendwie stellte ich fest, daß sie es ernst meinte.
„mein partner ist unten. wir schleifen im auto. haben sie etwas, das wir schleifen können?“
ich überlegte kurz und drückte ihr mein kleines küchenmesser in die hand, und in dem moment als sie damit loswollte, rief ich ihr hinterher: „moment mal! mein brotmesser!“
sie kam zurück, und ich zeigte ihr mein brotmesser: „hier, der griff hält nicht mehr lange, eine schraube ist schon abgebrochen, die andere schon ewig raus, stück vom holzgriff fehlt auch, wenn ihr das wieder…“
„kein problem, ich klingel dann wieder, wenn das fertig ist und bringe es ihnen hoch. und weg war sie mit den messern.
ich konnte es immernoch nicht richtig glauben, so viele jahre nach dem jahr 2000 und messerschleifer stehen vor der tür? ich kannte so was nur aus alten filmen. ich schaute, versteckt hinter der küchengardine, auf die straße vor dem wohnblock. tatsächlich. da stand ein kastenwagen, die tür war seitlich auf und ich sah einen typen vor einem schleifstein sitzen und schleifen.
es klingelte und ich machte auf. „das brotmesser ist nicht mehr zu raparieren, aber hier, das kleine messer ist wieder schön scharf.“
„dankeschön.“
„zwölf euro.“ sagte sie.
ich stöhnte innerlich auf: zwölf euro?!, ich suchte es passend aus der hosentasche, gab ihr das geld, und als sie losgezogen waren, das schleifauto verschwunden war, fiel mir meine innenschenkelverrostete lange, große und schwere schere im schlafzimmer ein. ich hatte sie vergessen. vielleicht hätten sie meine langbeinige schere etwas beweglicher machen können. ich versuchte, der schere die langen schenkel zu öffnen, was mit daumen und zeigefinger wirklich kaum ging. sie quietschten. das kleine kartoffelschälmesser schälte mir etwas später die kartoffeln so wie vorher.
eine tarnkappe, das wäre es gewesen, was hätte ich mit so einem ding alles anstellen können, mich in fremde schlafzimmer schleichen und unsichtbar neben das bett stellen, und wenn jemand am einschlafen war, die matratze am fußende hin und her kippen, als wären alle miteinander auf see. unsichtbar mit meinem käppchen. kein fliegender händler klingelte an meiner tür und bot mir eine tarnkappe an. und teppiche konnte ich nicht gebrauchen, obwohl meine auslegware durchgelaufen war, mir den braunen unterboden feilbot.
 
„und? was passiert heute bei dir? keine post? e-mails?“ fragte die frau ihren mann.
„stell dir vor, heut waren messerschleifer hier. hätt nicht gedacht, daß es sowas noch als fliegendes gewerbe gibt.“
„und, hast dich schleifen lassen?“
„das kleine messer, das zum kartoffel schälen. das brotmesser, das mit der mal geriffelten und mal gezackten klinge, ist nicht zu reparieren, das haben sie mir so wiedergegeben.“
„und was hast bezahlt?“
„zwölf euro.“
„zwölf euro für das kleine messer, für’s schleifen? das kriegst du in jedem supermarkt für einsfünfundneunzig.“
„meinst du?“
„na klar, bei real bestimmt und anderswo auch.“
„kam mir gleich verdammt teuer vor, aber was sollt’ ich da noch machen?“
„die tür zu.“
„und das messer?“
„vorher.“
eine tarnkappe müßte man haben. so ähnlich wie eine skimaske, wie bankräuber sie benutzen, rüber das ding und ab die post, das würden lange nächte werden. wenn man dann überhaupt nochmal nach hause kommt, dachte der mann. man wäre bei allen frauen der welt zu hause, spann er sich weiter ein, könnte klotastenbediener an jedem spülkasten werden, abgeschnittene, zur zubereitung bereitliegende stullen wegschmeißen und ausgezogene sachen an die zimmerdecke hängen, bilder an den wänden sich bewegen lassen und heulen wie ein wolf. ging das überhaupt unter einer tarnkappe? hatte man da noch stimme? der mann wußte es nicht, glaubte aber schon, daß man noch guten abend sagen konnte, einen kaffee auf den tisch stellen oder ein glas wein. aber dann hätte man auch buttler oder hausdiener werden können. „oder?“ fragte sich der mann. dafür bräuchte man keine tarnkappe, aber mit kappe könnte man buttlern wo und wie man wollte. „klasse.“ sagte er.
„oder was? was ist klasse?“ hörte der mann seine frau.
„nichts, hab nur so vor mich hingesprochen, so vor mich hingedacht.“
„was denn? was ist denn klasse?“
„ach, ich hab gedacht, wenn ein fliegender händler vor der tür steht und fliegende teppiche anbietet, dann hätte ich klasse gesagt. er würde sagen, ich hab mausefallen und rattengift oder bräuchten sie was gegen kakerlaken und ameisen oder am liebsten doch gleich einen fliegenden teppich zum abhauen, da hab ich klasse gesagt, und er, brauchen sie aber gar nicht, sie brauchen gar keinen fliegenden teppich, aber ich hab was gegen maulwürfe in ihrem garten, oder wie wär’s mit zaunverstärker gegen die wildschweine. klasse, ein fliegender teppich, hab ich zu ihm gesagt, blieb einfach dabei, süße, denn da würden wir einen haufen geld sparen, keine flugticktets und so, hab ich ihm auch gesagt, obwohl wir ja gar nicht irgendwo hinfliegen und überhaupt gar nicht fliegen, überhaupt niemals wegfliegen, irgendwo hin wollen in der luft.“
„hättst ihn mal nach einer tarnkappe fragen sollen, das wär doch was für dich“ antwortete ihm seine frau.
es klingelte.
und als die frau zurück kam, trug sie einen dicken katalog ins zimmer, setzte sich zurück in den sessel, entfernte die folie vom katalog und begann aufmerksam und konzentriert zu blättern, und der mann schaute ihrem blättern zu.

UNTERM SAFT GEHT’S WEITER / 61

 

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