gangnamenbang

überall stand etwas drauf. egal ob man sich den locher griff, den klammeraffen, das brillentuch oder den radiergummi, die zigarettenschachtel, den taschenrechner oder die unterhose, den stift, das tempotaschentuch, den wecker oder das plüschtier, irgendwas hing überall dran, oben oder unten drunter. überall tat sich etwas verewigen und selbst anzeigen. der mann hob seine volle kaffeetasse über sein gesicht: „siehste.“ sah er und trank in kleinen schlucken, ließ sie nicht los, setzte sie erst wieder ab, als er den auszuspülenden satz gewahr wurde. überall. sogar die geldscheine mußte jemand unterschreiben bevor sie aus dem automaten rutschten. nur auf den ausgepackten und lose in den drucker geschobenen papierblättern stand gar nichts mehr. und als der mann sie bekritzelt hatte, war es auch nicht mehr als nichts, also setzte er sein sorgenich darunter.
„muß ich ja nicht entsorgen.“ sagte sich sorgenich, „irgendwer wird die bude hier schon entrümpeln.“
was scherte ihn volles oder leeres papier, was scherte ihn strahlend weißes oder vergilbtes, aufgerauchtes zigarettenpapier oder runtergespültes klopapier. der mann war froh, daß er mit familiennamen sorgenich hieß und nicht besorgnis, manchmal hatte ein mensch auch glück in seinem leben, sei es mit der vergabe eines rangeborenen und ein leben lang anhängenden namen oder mit dem einheimsen eines namens, nur weil man so heißen wollte wie der andere heißen mußte, der vorher genauso viel glück hatte, und auch in einem namen geboren wurde, der auch so im namen da war oder namentlich angeheiratet worden war. frauen hatten es da besser. sie konnten sich einen mann aussuchen, dessen nachname ihnen gefiel. mit ihm hatten das bisher zwei frauen gemacht, sie wollten unbedingt so heißen wie er. nur peter gefiel ihm nicht. der vorname war scheiße. warum nicht ingo, ringo oder bingo. bingo sorgenich, das wäre es gewesen.
„hast schon die lottozahlen verglichen?“ fragte ihn seine frau.
„nichts. nur bei der glückspirale zwanzig euro, endzahl vier und null, endzahl vierzig, gibt ’nen zwanziger, aber wir sind mittwoch auch noch mal dabei.“
„heute?“ fragte die frau.
„heute.“ sagte der mann.
seine frau hieß gerne sorgenich. und einmal, vor jahren hatte sie auch mal zu ihm gesagt: „weißt du, das hört sich vielleicht doof an, aber seitdem ich deinen namen trage und sorgenich heiße, fühle ich mich irgendwie sorgenfreier, ich sorge mich nicht mehr so, total bescheuert, oder?“
„geht mir genauso.“ antwortete ihr mann, „obwohl ich auch gerne rosenstachel geheißen hätte, so wie du mit mädchennamen.“
„hast du nie gesagt, hättest du ja vor dem standesamt deutlich machen können. doppelnamen mit bindestrich. ist ja auch sowas wie eine bindung. sorgenich-rosenstachel oder rosenstachel-sorgenich. was meinst du, wie die beim arbeitsamt gucken würden, wenn die tür aufgeht, du auf dem flur schon beim weggehen bist, und dann ruft dir so eine fetzige sachbearbeiterin hinterher: herr rosenstachel-sorgenich, ach, kommen sie bitte nochmal, hier sind noch ein paar sachen offen. was meinst du, wie die gucken würden auf dem flur. jedenfalls bei mir haben sie immer geguckt, und ich hatte nur den einen namen, und auf dem flur waren nicht immer nur männer, die geguckt haben, um mir auf den busen zu blicken, das ging echt immer nur um meinen namen. darum drehte sich alles um oder schaute auf und konnt den blick nicht von mir wenden, nicht wegen meinem großen busen und meinem körper und dem passenden gang dazu, darum ging’s nicht bei den blicken, es ging einzig und alleine um rosenstachel. zwanzig euro kriegen wir? das ist gut. zwanzig euro gewonnen, das ist richtig gut. und wieviel hast du ausgegeben?“
„siebenundsechzig euro.“ sagte der mann.
„bist du verrückt?“
„da hängen noch mehr ziehungen dran und sonderauslosungen. hat sich doch zum vierten mai alles geändert. zusatzzahl gibt’s nicht mehr, dafür gibt es aber schon was für einen zweier, wenn man die richtige superzahl dazu hat.“
„sorgenich, sorgenich, mein lieber sorgenich, reiß dich zusammen.“ lächelte seine frau und fingerte sich eine zigarette hervor, hörte: „ich auch.“, warf sie ihm rüber und fingerte ein zweitesmal.
irgendwie war der mann in gedanken, denn als er sich die zigarette anstecken wollte, hatte er gar keine im mund. sorgenich-rosenstachel, eigentlich fantastisch. bingo rosenstachel-sorgenich, bingo sorgenich-rosenstachel. konnte man das nachträglich beantragen? aber das kostet bestimmt eine menge kohle. dachte sorgenich.

UNTERM SAFT GEHT’S WEITER / 92

Be the first to comment

Kommentar verfassen