am straßenanfang

UNTERM SAFT GEHT’S WEITER / 88

ich war nach zahlreichen erfolglosen psychiatrieaufenthalten psychisch so hinüber, daß meine frau es gerade noch schaffte, mich zu einer heilerin zu schleppen. der mann einer kollegin meiner frau war bei dieser heilerin gewesen. er war nur noch mit morphiumpflaster versorgt worden, austherapiert, und die ärzte hatten zu ihm gesagt: „das einzige, was ihnen noch helfen könnte, wäre, daß wir ihnen ihre komplette wirbelsäule austauschen.“ jetzt war er gesund, ging wieder arbeiten, kein morphium, kein nichts, einfach gesund. und das nur, weil er bei dieser heilerin gewesen war. ich glaubte nicht an dieses wunder. und schleppte mich dennoch zu ihr hin, ich hatte keine wahl. „der mann meiner kollegin hat da auch nicht dran geglaubt, der ist naurwissenschaftler, der glaubt an sowas nicht, und jetzt ist er gesund.“, hörte ich meine frau.

drei stunden zugfahrt, und dann suchten wir das kleine hotel, in dem wir telefonisch ein zimmer bestellt hatten. „damit wir ausgeruht bei der heilerin erscheinen können.“ entschied meine frau. wir fanden es, etwas versteckt durch eine längere toreinfahrt, am ende eines hinterhofgartens, und am nächsten tag bogen wir in die uns angewiesene straße ein. gebückt, ohne haftung zum boden war ich förmlich dieser straße entgegengekrochen, hatte mich an jeder bushaltestelle mit meiner frau zusammen abgesetzt und erschöpft ausgeruht, und als wir die straßenecke endlich erreichten, stoppte uns eine blonde frau: „halt! ihr braucht gar nicht weiterkriechen. hier seid ihr richtig.“ sie hatte auf uns etwas abseits eines fabrikgeländes am straßenanfang gewartet.

„so macht man das bei uns, erst ein küßchen hier und dann ein küßchen hier.“

rechts, links, erst meine frau, dann schaffte auch ich es, ihre wangen zu berühren.

„das ist ja eine süße.“, sagte sie mit einem blick zu meiner frau, „wo hast du denn diese süße ausgegraben?“

„in greifswald.“ japste ich schwach hervor. 

sie führte uns auf das fabrikgelände und in einem düsteren treppenschacht zwei treppenaufgänge empor, rief per tastendruck einen winzigen fahrstuhl, stieg ein, drückte den etagenknopf, stieg wieder aus. nach ihrer aufforderung: „steigt ein, ich erwarte euch.“, zwängten wir uns mit unserer reisetasche in das winzige ding und die heilerin wartete drei etagen weiter oben auf das ankommen unseres fahrstuhls, führte uns nochmals eine etage per treppe empor und öffnete uns die tür zu ihrer wohnung.

und sie redete und redete. irgendwas. und dann sollte ich mich auf einen der stühle setzen, und ich sah ein sofa, das mit küchenrollenpapier ausgelegt war. am liebsten hätte ich mich auf’s papier geschmissen, doch zum liegen sei es zu früh, sagte sie: „wir müssen erst deine atmung finden, ich muß dich zum liegen bereitmachen, wir müssen das system in gang bringen, und du“, sie meinte meine frau, „rutscht jetzt ganz dicht ran an deinen schatz und hilfst mir dabei.“ meine frau rutschte auf einem zweiten stuhl dicht an mich heran und ich spürte ihr knie an meinem knie.

die heilerin riß sich einen streifen von einer der im raum verteilten küchenrollen ab, zog sich dünne weiße handschuhe über ihre finger, legte mir eine lage vom küchenpapier auf die brust, fühlte mich ab und rubbelte mit dem abgerissenen papierstreifen auf mir rum, begann zu drücken, „da, jetzt schlägt das herz wieder, jetzt kommt der herzschlag durch, fühlst du das? guck mal, carmen,“ hörte ich sie zu meiner frau sagen, „gleich werden seine augen auch wieder strahlen.“ ich versuchte meine augen im eingepreßten gesicht zu öffnen, sah alles verschwommen, „na, merkst du das, wie du zurückkommst, wie dein herz anschlägt?“ ich schüttelte den kopf. „na hier.“ sie legte meine finger auf das stück papier, „da, spürst du, wie es wieder schlägt?“ „ich merk nichts.“, leierte ich kraftlos hervor. „das gibt’s doch nicht, hier, ist doch ganz stark und deutlich.“ „äh, äh.“, schüttelte ich den kopf. „du merkst auch gleich, wie die energie von ihm auch zu dir überfließt, carmen, spürst du das?“ ich hörte nichts von meiner frau.

sie ging irgendwelche bahnen an mir entlang, „ja, hier ist es, er kommt gleich zurück.“ ich hörte, wie sie ständig neue streifen von der küchenrolle abriß und ihre handschuhe wechselte, immer wieder rubbelte sie mit den abgerissenen papierbahnen auf bestimmten stellen meines körpers rum, bis sie sie zusammengeknüllt auf den boden warf, neue handschuhe überzog, mit neu abgerissenen papierbahnen auf mir rumrubbelte. „und der aus der schweiz, ein ausgebildeter rechtswissenschaftler, wirtschaftsrechtler, promoviert, hab seine cd ganz nackig wieder aus dem müll geholt, mußte einfach aufspringen und hab vollkommen nackig, das mußt du dir mal vorstellen, so nackig wie ich war, hab ich im müll gesucht, und eigentlich hätte die cd voller bakterien sein müssen, war sie aber nicht… da, da ist was… und obwohl der älter ist, ein hervorragender wirtschaftsrechtler, promoviert, erfolgreich, da muß ja was sein, sonst wäre die cd ja voller bakterien gewesen, ich hab sechszehn jahre keinen sex mehr gehabt, alles lügner, die einen nur benutzen wollen, aber das kann ich unterbinden, sowas spür ich sofort, nicht immer, aber oft, man soll ja auch nicht ständig mißtrauisch sein… jetzt kommt’s rüber… jetzt merk ich das… jetzt liest er gerade meinen brief… hab ihm einen brief geschrieben, geht zwei tage bis in die schweiz, jetzt macht er ihn auf, jürgen, bei dir riecht man, daß du aus mecklenburg-vorpommern kommst, ich rieche an dir das heu und die erde, der schweizer riecht anders, nach erz und bergen, guck mal carmen, wie sein haar schon wieder anfängt zu glänzen…“ 

mir tat mein rücken weh, ich bekam die augen nicht auf, hörte aber das abreißen weiterer lagen von der küchenrolle, spürte neue lagen auf mir, ihr drücken: „ich hab dich gleich soweit. keine bakterien an der cd, und ich vollkommen nackig, ganz nackig, stellt euch das mal vor, und dieser arzt, der ist psychiater und mit dem jornalisten befreundet und dem hab ich mein ganzes wissen…, ich schreib darüber, und als er hier lag, traten die augen aus seinem kopf hervor, ganz, ganz böse, und jetzt will dieses schwein mein wissen veröffentlichen, aber das weiß ich zu unterbinden, diese schweine, die cd, ganz ohne bakterien, ich glaub in den hab ich mich verliebt…“ 

ab und an rannte sie abrupt, äußerst nervös und aufgedreht aus dem zimmer, um sich die hände gründlich und lange unter laufendem wasser zu waschen, und vom raum aus, in dem das waschbecken stand, hörte ich sie weiter laut vor sich hin oder vielleicht auch zu uns reden: „…dieses schwein, aber das laß ich nicht zu, der psychiater sucht die erleuchtung, und diese frau rief ja bei mir an, und mir ging’s schlecht, die muß voodoo praktizieren, und wenn ich weggehe, die wollen alle nur das eine, ich sag dann, daß ich kindergärtnerin bin, um mich nicht den gefahren so auszusetzen…“ 

neue weiße handschuhe, neue küchenrollenblätter. 

„jetzt, jetzt liest er den brief, ich spür das, liest den brief jetzt, der kommt wieder, ich geh mit in die schweiz, ziehe zu ihm…, jetzt bist du so weit, kannst dich hinlegen jürgen…“ 

ich taumelte zum schmalen sofa rüber und rollte mich irgendwie auf’s papier, „kopfkissen.“, keuchte ich hervor, und meine frau schob mir das von zu hause mitgebrachte kopfkissen unter meinen zugeschlossenen und krampfdruck spürenden kopf. ich wußte nicht wohin mit meinen armen, preßte sie beidseits an mich, damit der eine nicht abwärts herunterbaumelte, der andere arm nicht aufrecht mit den fingern an die sofalehne krallte.

„…na, hier ist es doch, ist doch alles voller infarkte. das mach ich jetzt frei, und dann mußt du nicht mehr nur mit dem zwerchfell atmen, bist ganz grau im gesicht,“ sie rieb an meinen wangen, „guck mal, wie da farbe reinkommt, carmen, komm setzt dich zu ihm, halt seine beine… die staunen immer alle über mein anatomisches wissen, diese behandlung habe ich erfunden, kann sein, daß immer zwei, drei menschen zeitgleich etwas erfinden, weil sie sich zeitgleich damit beschäftigen, wie der japaner, der das jetzt gerade von mir spürt und auch versucht anzuwenden, nie würde ich schamanismus betreiben, götter und engel um heilung bemühen oder herbeirufen, die haben sich manchmal nur noch bis zur tür bei mir schleppen können, hab ja auch gesehn, wie du vorhin angekrochen kamst und jetzt geht’s dir schon so gut, ich nehm erst mal die infarkte raus, kein wunder, daß du jeden tag im sterben lagst, eine lungenentzündung hast du auch… diese schweine, der war unter drogen, der journalist, und fragt mich noch, ob ich auf hardcore stehe, hat einen IQ von einhundertsechzig…“

„das ist doch egal was für einen IQ jemand hat, und wenn der an der schwelle zur schwachsinnigkeit liegt, kann er dennoch andere dinge wahrnehmen, als jemand mit einem hohen IQ…“, leierte ich erschöpft unter ihrem drücken hervor, „neues papier, neue handschuhe!“, rief sie einem nichtassistierenden assistenten zu, „wegen der bakterien!“, legte neue bahnen von küchenrollen zwischen neu raufgezogenen handschuhen und meinem t-shirt und meiner hose ab. „und dann, nächstes mal, fragte er mich nach softsex, der will einfach nur rauskriegen, auf was ich stehe, will mich einfach nur ins bett kriegen.“ „das ist aber plump, dann kann der IQ nicht ganz so hoch sein, oder der hat dich mit in seine drogenaura vereinnahmt…“, mußte ich fortsetzend leiern. 

„ja, drogenaura, bei manchen klappt’s ja, das schwein, kommt zugedröhnt hier an, gibt jetzt mein wissen weiter, aber ich hab ihm ja nicht alles gegeben, das wichtigste wissen hab ich ja noch… hab ich alles in einer schublade hier, alles aufgeschrieben, mein wissen…“

mir flog der telefonische kontakt zu ihr wieder ein, fünfundvierzig minuten, in denen sie mich nicht zu wort kommen lassen hatte, und ohne mich zu kennen oder zu wissen, wie es mir geht oder was ich habe, redete sie von einem bandscheibenvorfall in der halswirbelsäule, der mir auf den kehlkopf drückt, die schilddrüse nicht arbeiten läßt, auf die halsschlagader drückt und das gehirn bekomme zu wenig sauerstoff, daher mein brennen im mund. sie erzählte aufgeregt, unaufhörlich und teilte mir mit, daß sie selber jeden tag fürchterliche kopfschmerzen hätte, und es gelang mir irgendwann durch ihren redeschwall hindurch zu fragen, warum sie sich dann nicht selber heilen oder helfen könne, und sie antwortete, daß sie das doch jeden tag mit sich mache, sich jeden tag selbst heile. irgendwann wollte sie dann am telefon von mir wissen, was ich mache, und jetzt erinnerte ich mich an den dialog. als ich ihr antwortete, ich sei schreiberling, kam von ihr: „oh, das ist ja toll, dann kannst du ja über mich schreiben.“

und nun? jetzt bei ihr vor ort? nichts erwähnte sie mehr von dem, was sie während des telefonats festgestellt hatte, nichts mehr von meiner halswirbelsäule, die auf den kehlkopf drückt und die schilddrüse nicht arbeiten läßt, mir auf die halsschlagader drückt und mein gehirn mit zuwenig sauerstoff versorgt, doch sagte sie jetzt: „warst du nicht schreiberling?“ 

„ja, war ich mal“, stöhnte ich hervor. 

„oh, wie toll, dann kannst du ja hier über mich schreiben.“ 

„ich schreib doch anderes, schreib doch über’s leben, frau und mann und so.“

„aber mit so was kannst du doch kein geld verdienen, du mußt was schreiben, was die menschen interessiert und was sich verkaufen läßt!“ 

„wenn ich was hätte verkaufen wollen, dann wäre doch nie ein text entstanden, so etwas entsteht doch anders, doch nicht aus dem gedanken einen text zu machen, um ihn verkaufen zu können, so entsteht so etwas doch nicht… und ich weiß doch bis heute selber nicht, wie das ensteht und warum…“ versuchte ich mich zu verteidigen, ihr etwas deutlich zu machen, das sie nicht verstehen würde, wie schon so viele menschen vor ihr es trotz meiner unzähligen erklärungsversuche nicht verstanden hatten. alleine über diese versuche war ich in über dreißig jahren müde geworden, nicht nur müde, sondern erschöpft, war es über eine erschöpfung hinaus leid, den menschen ihr unverständnis auflösen zu wollen, aber es nahm einfach kein ende: …verdient man damit geld? nein? aber warum machst du das dann? dann schreib doch wenigstens irgendwas, womit du geld verdienen kannst… 

sie rubbelte weiter auf mir rum, hörte aber nicht auf: „du mußt andere titel für deine geschichten finden, sonst wird das nichts.“

vielleicht meinte sie auch nur den umgang mit meinen wahrnehmungen im kopf, die ich anders kleiden oder betiteln sollte, doch ich sprang sofort auf meine texte an: „niemals. das geht nicht, ich kann doch nicht einen text mit: ’die sonne lächelt dich an und nimmt dich mit in den schönen tag’ betiteln, wenn es darum geht, daß die u-bahn auch ein armes schwein ist.“

„das geht überhaupt nicht.“, hörte ich mir empört beipflichtend meine frau.

„ja, aber wenn du was verkaufen willst? dann mußt du andere titel finden.“

„darum geht’s doch nicht. wenn ich was verkaufen hätte wollen, wäre doch nie auch nur ein einziger text enstanden.“

„warum machst du das dann überhaupt.“

„weiß ich nicht. vielleicht um am leben zu bleiben. ich weiß nicht, wo sowas herkommt.“

„das ist kreativität.“, stellte sie fest.

„nein, nicht wirklich, das ist noch was anderes. weißt nicht was. ich muß das einfach aufschreiben, warum weiß ich auch nicht.“

„aber das interessiert doch niemanden.“, sagte sie.

„weiß ich doch.“

„na, dann laß das doch sein.“

„geht nicht.“

„einfach sein lassen.“, hörte ich.

„würd ich gerne.“, gab ich erschöpft zurück.

sie rannte wieder zum waschbecken, ein ende weg über den flur. ich hörte das wasser aus der leitung fließen und zwischen dem rauschen kam es bis zu uns: „diese schweine, wollen mir mein wissen stehlen und dann in büchern veröffentlichen! diese schweine! aber ich habe denen längst nicht alles gegeben. mein wissen lagert von mir aufgeschrieben noch ganz woanders. die schweine, diese schweine haben nicht alles von mir gekriegt. sie werden spüren, was sie angerichtet haben!“

als sie zurückam, bemühte ich mich, meine tauben eingeschlafenen arme hinter dem kopf abzulegen. es war seitlich kein anderer platz, um sie zu verlagern.

„sieh mal, jetzt kriegt er luft, macht sich selbst die atmung frei, jetzt kriegt die lunge wieder luft, sonst würd er nicht die arme hochziehen. jetzt atmet er nicht mehr nur mit dem zwerchfell. jetzt klappt auch der obere rippenbogen wieder zurück, der war schon gänzlichst verschwunden.“ 

sie drückte auf mein t-shirt und auf die obere rippe.

„die kommt doch immer raus, wenn man so eine position einnimmt.“, stieß ich leise hervor.

„ach, du hast doch keine ahnung!“, ranzte sie zurück. „menschen die so krank sind wie Sie, schaffen nicht mal mehr die sechzig, die schaffen das einfach nicht, können sechzig lebensjahre gar nicht mehr erreichen.“ plötzlich war sie beim Sie. „und die menschen lügen alle.“, sagte sie noch.

„ja. und warum?“, fragte ich.

„die menschen lügen alle.“, wiederholte sie. „und die sehnerven sind entzündet, wirst bald wieder gucken können. guck mal, carmen, jetzt kriege ich ihn wieder in die gänge. und dieses schwein, der arzt, der mein ganzes wissen von mir stehlen will, der staunt auch über mein anatomisches wissen, und andere mediziner auch. …diese schweine… diese schweine alle… und diese hexe, dieses furchtbare weib, und dann ist die auch noch so dick, mal verbrennt die mich, mal sticht sie mich, die macht voodoo, das haben sie mir auch gesagt, die wollte hier nur mein wissen von mir, mir alles wegnehmen aus meinem kopf, mein ganzes wissen, das wissen, das nur ich besitze, genau wie all die anderen schweine, die mir alle mein wissen nehmen wollen… jetzt liest er den brief, der kommt wieder, komisch, und das, obwohl er älter ist, aber das macht nichts…“

ich leierte: „bleib doch hier. oder komm wieder nach pommern, du hast doch gesagt, da war es auch nicht schlecht, du warst doch chefin auf dem friedhof, hast du gesagt, und bis in die schweiz kann ich dir nicht nachreisen…“

„…erstmal muß er lesen…, guck mal, carmen, jetzt bewegt er, jetzt geht’s durch durch ihn, guck mal, er hat den fuß bewegt, und dann muß er ja herkommen, hat zwei stents im kopf, wegen parkinson…“

„hast du ihn denn schon mal gesehen?“, preßte ich hervor.

„ja, er war doch hier, ich werd mir jetzt einen roboterkopf zulegen und nachempfinden, wie es ist, mit zwei stents im gehirn, ohne daß ich sie drin habe“, hörte ich sie vom waschbecken aus dem anderen raum: „…diese schweine! glauben, mir mein wissen nehmen zu können… neues papier, neue handschuhe…“ 

ich öffnete erschöpft die augen, sah überall auf dem boden abgerissene, zerknüllte lagen von küchenrollenpapier rumliegen, weiße stoffhandschuhe und noch mehr weiße stoffhandschuhe, einen durchsichtigen und geöffneten plastikmüllsack voller zerknülltem küchenrollenpapier, ließ die schweren augen im ineinandergeknautschten gesicht wieder zufallen.

„guck mal, wie die lippen schon wieder kommen, guck mal, carmen, jetzt machen wir ihm wieder knutschlippen…“ 

ich bewegte meine eingeschlafenen finger, öffnete die augen, spürte meine angeschwollenen hände und sah sie auch.

„jetzt bewegt er sogar schon die finger, guck mal carmen, und schön die beine festhalten.“ ich öffnete mit aller kraft noch einmal die augen, sah verschwommen ins graugrüne und erschöpfte gesicht meiner frau, sah, wie sie mit einer po-backe seitlich auf dem sofaende neben meinen beinen lag und ein bein von mir am unteren ende umklammerte.

„meine hände sind ganz geschwollen und ich habe auch immer das gefühl von so dicken kongolippen, als wenn da ringe drin wären und als wenn sie unter strom stehen, stromstöße durchgeleitet werden… und immer so ein steingefühl im linken hinterkopf und faustdruckgroße augen…“ 

„deine unterlippe ist nur noch ein todesstrich. so schmal ist die, die sieht man kaum noch. kriegst gleich wieder knutschlippen. ich mach dir gleich wieder knutschlippen. guck mal, jetzt kriegt er wieder knutschlippen, carmen“, richtete sie ihre worte an meine frau.

meine frau saß, zusammengekauert und verkrampft, immernoch mit nur einer gesäßhälfte auf der couch zu meinen füßen.

„mach ich dir alles weg.“ hörte ich die heilerin.

„meine hände schwellen immer so an…“

„ja, da kommt jetzt das blut durch, nicht reiben… kannst immer schön bei deiner süßen reiben…jetzt machen wir ihm mal wieder knutschlippen.“

was ist das jetzt?, fragte ich mich, wenn das ein männlicher heiler wäre, könnte man ihn wegen sexismus verklagen., und ich jaulte noch aus erinnerungen hervor: „aber die liebe und auch der sex schützen nicht vor diesen zuständen oder räumen sie aus. das ging ja noch bis zum schluß und auch jetzt noch irgendwie, obwohl, mit diesem psychopharmaka, dem ’trevilor’, wurd’s schwierig, das kappt einem das verbindungskabel zur libido. warum hilft so etwas denn nicht?“

„ja, aber es läßt dich am leben, läßt den tod wenigstens nicht überhand nehmen. obwohl du jeden tag todgeweiht bist und mit dem tod ringst.“, antwortete sie.

„und die stelle hier oben am kopf tut so weh von außen, wenn ich da ankomme.“, sagte ich.

und dann hörte ich: „ach, immer diese zerbrechlichen männchen.“

kein wunder, dachte ich, daß man, wenn man euch täglich begatten muß, irgendwann zusammenbricht, in sich zusammenfällt oder auseinanderbröselt, und entschlüsseln muß man bei euch frauen auch noch alles. aber warum ich selbst jetzt noch, aus diesen zuständen heraus, etwas mich so empörendes denken mußte, entschlüsselte sich mir nicht, blieb mir im selben augenblick des denkens ein rätsel und verschwand auch im augenblick sofort wieder, wie nie gewesen und gedacht.

„und die stelle hier oben am kopf und der kopfschmerz hart wie ein stein im linken hinterkopf…“

„oh ja, ich spüre das, da muß ich gar nicht hinschauen, das spüre ich auch so… vorsichtig, vorsichtig, da ist ein hämatom unter, das mach ich jetzt mal weg. und den stein, den nehme ich dir auch weg. kein wunder, daß du jeden tag fast gestorben wärst. so was schwieriges wie dich hab ich auch noch nicht gehabt. die hätten dir den kopf aufgebohrt, das rausgeschnitten und dann wär’s das für dich, das wär dein ende gewesen. ich mach das jetzt mal weg, vorsichtig, nicht anfassen, ich mach das.“, und dann strich sie von außen über mein inneres hämatom kurz oberhalb der linken schläfe. „das haben wir gleich. und der schmerzstein im hinterkopf, der wandert auch immer ein bißchen und verändert seine größe, das sehe ich, den zertrümmer ich dir, den löse ich dir auf. stents hätten sie dir einsetzen müssen in der herzklinik in karlsburg oder wie die klinik da bei euch oben heißt. du bist voller infarkte… und eine lungenentzündung hast du auch gehabt…“

„die haben aber nichts gesehen auf dem röntgenbild und als ich beim kardiologen war, weil ich überall wasser hatte und angeschwollen war, zehn kilo wasser drin hatte, war mein herz auch in ordnung, hat der herzarzt gesagt.“

„was ist das denn für ein arzt, du bist doch voller infarkte, die mach ich dir jetzt weg.“

„und in der psychiatrie haben die mich elektrogekrampft, die haben mir elektrokrampftherapien gegeben, künstlich epilepsie mit strom herbeigekrampft, absichtlich epilepsie bei mir ausgelöst, in schlimmste erregungen gekrampft während des elektroschockens, mich mit vollgepißten hosen verwirrt und alleine im zimmer abgestellt, ich hab nach dem krampfen vor erregung geschrien, jedes mal…niemand konnte mich mehr beruhigen, bin in jede nächste krampftherapie heulend und zitternd rein, mußt dir vorstellen, wie ein schwein an einem strick zur schlachtung reingezerrt und doch untergehakt noch selber mitgegangen, weil es ja helfen sollte…“ 

„das ist schlimmste körperverletzung, man muß sie anzeigen… das ist ja grauenhaft, was mit dir gemacht wurde, das ist menschenqual, folter, menschenquälerei… die haben dich gefoltert… ja, ich seh das hier, das kann ich fühlen, beide gehirnlappen sind schwerstverbrannt…richtig verkohlt, die sind richtig schwarzverbrannt, die sind schwarzgebrannt, links und rechts starke verbrennnungen, schwerste verbrennungen, wenn ich unten an der psychiatrie vorbeikomme, da vorne um die ecke, dann seh ich die da sitzen, bei denen geht nichts mehr, die kommen da nicht mehr raus, und da vorne, hier mitten drin, ist ein hospiz, was soll so was, hier mittendrin, wenn man dort, also wenn ich da langgehe, dann strömt dort der todes- und leichengeruch raus, dann muß ich sofort weiter, und als du vorhin so angeschlichen kamst, habe ich erstmal die krähen verscheucht, die hier schon alle rumgelungert und auf dich gelauert und aufhörlich gekrächst haben, weil du angekrochen kamst, die haben deinen leichengeruch und den tod, den du mit dir rumschleppst, schon gerochen und gespürt, hab ich alle verscheucht…“

„mir tut auch der arm hier weh, ich hab da ’ne ganz furchtbar zusammengeflickte stelle, wurde wieder angenäht der arm.“

und als ich ihr die narbe zeigen wollte, hörte ich: „brauchst mir nicht zu zeigen, hab ich schon gespürt, ist vollkommen entzündet, spüre hier auch so eine art lederlappen unter, den löse ich jetzt mal auf…“, und dann kam ein neuer streifen küchenrollenpapier mit dem sie jetzt auf der wulstig nach allen seiten verlaufenden narbe an meinem oberarm rumrubbelte, um das papier dann zusammengeknüllt zu boden zu schmeißen.

„die ist aber nicht entzündet.“

„die entzündung ist innen, innere narben gehen nie zu. woher hast du das?“

„autounfall.“

„mein mann hat mich mal mit dem auto gegen einen baum gesetzt. ist dann einfach abgehauen, weil er dachte, ich bin tot, dieses schwein… dann hatte ich damals einen, der ist ganz blaugrün angelaufen, auch mit dem herz, voller infarkte wie du, und ich dachte, der verreckt mir jetzt, was soll ich bloß machen, wenn der mir verreckt, und dann krieg ich einen anruf wochen später, daß er wieder vollzeit auf dem bau arbeitet, weiß nicht, wie das ging, also ich hab da gar nichts gemacht, hab nur gedacht, wenn der mir hier jetzt verreckt und abkratzt, was mach ich bloß… jetzt liest er gerade meinen brief, der kommt wieder her, ich geh mit in die schweiz, geld hat er auch, das ist so ein erfolgreicher wirtschaftsrechtler, diese schweine, aber ich hab zu ihm gesagt, daß ich auch alles gegen ihn verwenden kann und daß die abrechnung am ende kommt…“

„meinst du, das gibt es wirklich?“

„ja klar, schätzchen, am ende wird abgerechnet, ach du bist so ein süßer.“, und ich hörte sie meine bartstoppeln kratzen, sagte: „das habe ich zu einem bullen auch mal gesagt, der mich so schlecht behandelt hatte, dem hab ich gesagt, daß er im sterben erfahren wird, was für ein schlechter mensch er ist, daß ihn das im sterben alles einholt.“

„richtig. ist auch so.“

„wirklich? meinst du?“

„na klar.“

doch mir kamen trotzdem zweifel, wußte ich doch, daß wirklich furchtbare menschen ohne größeres leiden durchs ganze leben kamen und auch noch friedvoll entschlummerten.

„am linken bein hab ich auch eine lange narbe, oberschenkelhalsbruch, und narben am bauch, ein stück vom dickdarm ist weg und eine pfortaderthrombose…“

„jetzt machen wir den darm erstmal schön warm, damit er auch ans gehirn alles weitergeben kann. dein ganzes gehirn ist überhitzt… diese schweine, und der andere hatte nur einen fleck am po, auf einer backe, und dann war der ganze kopf voller stromkreuze, was soll das, bei hautkrebs, hatte nur diesen einen fleck auf der backe vorher gehabt, das war’s dann für ihn, und die frau liegt in der psychiatrie, am anfang hab ich ja noch mit ihr telefoniert, jetzt geht nichts mehr, die kommt da nie mehr raus, ihre tochter war bei mir, mit der mutter geht nichts mehr, die bleibt für immer da drin, und das junge mädel, die ausländerin, die konnte nicht mehr gehen, hat das bein nachgezogen, war im krankenhaus, die haben da nichts feststellen können, nichts gefunden, doch sie zog das bein nach, war an der hüfte ausgerenkt, das hab ich ihr heil gemacht, die kam ja gar nicht aus dem auto raus, das einzige was noch ging, war autofahren, das konnte sie noch, jetzt hat er den brief gelesen, lag auf dem tisch bei der anderen post, lag gestern schon da, geht heute ins büro und liest auf’m samstag meinen brief, der lag da schon gestern, zwischen all der anderen post, hat ihn grad eben mit so einem dünnen metallteil aufgerissen, jetzt liest er, der muß sogar am samstag ins büro…“

„vielleicht hat er sonnabends da einfach mehr ruhe.“, hörte ich meine frau.

die heilerin rubbelte mich mit weiteren papierlagen ab, wechselte in schnellem tempo die handschuhe nach jedem rubbeln und dem zerknüllen des küchenrollenpapiers… ja, hier die nabelschnuren… rechts innen das loch im kiefer… alles von den dich fast erwürgenden nabelschnüren, hier unterm kinn, das kann ich jetzt noch fühlen, da hat die nabelschnur im mutterleib gelegen, unterm kinn wurd die schnur im mutterleib gelegt, aus sicherheit, wie der gurt des hutes, des hohen hutes, den du als franzose in den schlachten damals tragen mußtest…“

„mir ist auch immer so, als wenn ich einen ganz schweren eimer auf dem kopf habe…“

sie konnte sehen, wie ich damals meinen linken fuß auf den brustkorb eines auf dem boden liegenden soldaten gesetzt und ihm mein bajonett in den hals gestoßen hatte…

„so , jetzt bist du kein mörder mehr.“ weitere bahnen küchenrollen und handschuhe landeten auf dem boden.

in der oberen linken brusthälfte meines infarktes machte sie den mich ihrer meinung nach immer noch drückenden uniformknopf weg…

„und du, carmen“, sagte sie zu meiner frau, „du warst mütterlicherseits in frankreich eine zofe, ein kindermädchen, das sich auf eine annonce gemeldet und bei einer familie mit fünf kindern vorgesprochen hat. und die frau war ganz erstaunt und verwundert, daß sich so eine alte frau auf die anzeige als kindermädchen meldet und rief bestürzt ihren mann. „hast du kein alter angegeben?“ „nein.“, hat der gesagt, „hätte ja nie gedacht, daß sich so eine alte frau hier vorstellt und sich als kinderzofe verdingen möchte.“ und dann sagte er, daß er einen sehr bösen jungen habe und nur ein mädchen dabei sei, die lieb wäre. und daß das zu schwer für sie als alte frau wäre, und was sie denn könne oder überhaupt machen würde? ich kann geschichten vorlesen, hat sie darauf geantwortet, und dann ist sie auch immer zum geschichtenvorlesen gekommen. und an dem tag, an dem sie spürte, daß sie sterben würde, ist sie dann früher gegangen, weil sie nicht wollte, daß die kinder miterleben, wie sie sterben würde, nicht wollte, daß die kinder das sehen. sie ist dann nach hause in ihre hütte zurückgekehrt und sechsundsiebzigjährig gestorben.“

nun wußte meine frau wenigstens, wie alt sie werden würde.

„ist kein knochen mehr auf dem schädel, liegt nur noch eine pergamentschicht drüber. aber jetzt bildet sich wieder ein kranz, siehst du das, carmen, dieser wulst drumrum, der sich jetzt neu bildet und schon in den ansätzen da ist?“

„ja.“, hörte ich meine frau.

„und die nase schon vom tod so spitz nach unten, und das kinn ganz spitz vom nahenden tod, guck mal carmen, siehst du das?“

ich hörte meine frau nicht mehr.

die heilerin drückte auf meinen bauch, meinen magen, rubbelte mit dem küchenpapier drauf rum, mir war schlecht, kotzübel… dann gnubbelte sie den knieischiasnerv hin und her, hin und her… „…der chef will ja auch was von mir, hält mir ständig die tür auf, dem hab ich mal den fuß wieder heil gemacht, da ist ihm einer von seinen kränen rübergefahren, da laß ich mich gar nicht drauf ein, die ganzen kranfahrzeuge, die hier stehen, hat vier firmen auf der welt, im oman und hier und…“

dann spürte sie plötzlich während ihres rubbelns meinen tod reinrücken. sie verfiel in lautstarke verbalpanik: „oh, jetzt geht er mir weg, jetzt stirbt er, jetzt stirbt er mir weg, ich krieg ihn nicht zurück, jetzt ist er tot… ich krieg ihn nicht mehr zurück… jetzt ist er schon tot, den krieg ihn nicht mehr zurück.“

sie übertrug diese panik auf mich, ich sackte irgendwie weg, aber anders, als wenn man das bewußtsein verliert, spürte den tod reinrücken, wie er besitz von mir nahm, und sie schrie, daß sie nichts, nichts mehr gegen meinen hereingebrochenen tod tun kann, hilf- und machtlos sei, schrie ihre hilflosigkeit noch einmal gesteigert heraus, schrie, daß sie nicht mehr wüßte, was sie noch tun könne, nicht wüßte, was noch zu tun sei, was sie machen solle und obwohl sie niemals mit schamenen zusammenarbeiten würde, müßte sie die jetzt in meinen letzten sekunden und obwohl es längst zu spät sei, doch noch und das erste mal in ihrem leben und obwohl sie es niemals hatte tun wollen in ihrem leben, nun doch schamanen um hilfe bitten, die schamanen um hilfe anrufen, tun, was mit deren hilfe noch möglich sei, was bliebe ihr anderes übrig, um mich vielleicht doch noch retten zu können… sie nahm unter panischen beschwörungsaktionen kontakt zu schamanen auf…

grüne nelbelschwaden, die sich in ziehende wolken verwandelten, sich umformten, dann durchrieselte mich so eine art todesstarre und lähmte alles an und in mir.

„und wie war es, tot zu sein?“ fragte sie mich etwas später, und ich war verwundert und immernoch ganz starr weit weg.

„…ja, irgendwo wollte ich sterben, dachte, jetzt hast du es geschafft, die qualen…“ 

„du warst fast tot, ich glaube, du warst schon tot. wie war dir dabei? ich konnte dich kaum zurückholen. du wärst mir beinahe entglitten. ich glaub du warst auch schon tot. ich mußte dann doch im letzten augenblick, in letzten sekunden, schamanismus anwenden, ich wollte das nie, mit schamanen zusammenarbeiten, aber was sollte ich denn noch tun, du warst doch schon tot…götter der schamanen um hilfe bitten. ich hätte es beinahe nicht mehr geschafft, dich ins leben zurückzuholen, es ist mir gerade noch so gelungen. du warst schon weit weg von uns, hast uns hier zurückgelassen, du warst schon drüben, du warst schon im jenseits. jetzt bin ich aber total fertig und erschöpft und gänzlichst am ende durch dich…“

„…dachte, die qualen haben jetzt ein ende, aber gleichzeitig hatte ich auch angst, wollte weitermachen, wünschte mir, quallos weiterleben zu können, hier nicht zurückbleiben zu müssen, meine frau mit meinem leichnam hier nicht alleine zurückzulassen…“ 

meine frau hatte nicht an meinen tod in dem moment geglaubt, wie sie mir später glaubhaft versicherte.

„und nun nenn mir deine wünsche, ich gebe sie in dich rein, zur erfüllung.“

„daß ich mit meiner frau wieder glücklich leben kann, keine belastung mehr für sie bin…“

„du bist keine belastung für mich.“, hörte ich meine frau.

„doch.“, antwortete ich, „jedenfalls fühle ich das so für mich, und ich möchte zurück ins leben und dich dabei mitnehmen, und du hast immer gesagt, mit mir kann dir nichts passieren… und jetzt… ich möchte wieder mit dir und uns sein können und für dich da sein können, so wie früher… so wie in der zeit, als du dich durch mich noch beschützt gefühlt hast.“

„und was noch?“

„ich weiß nicht, vielleicht, aber, ach das ist mir alles zu peinlich. so eine schüchterne bescheidenheit kommt in mir auf, so daß ich gar keine wünsche mehr formulieren kann…“

„doch, sag mal noch was, wünsch dir noch was, weiter, mach weiter, ich geb dir das ein.“ 

 

die heilerin begleitete uns ein paar straßen bis zum taxistand, ich taumelte neben ihr her und meine frau zog schweigend den koffer…

„jetzt, jetzt merkst du, wie du wieder atmen kannst.“

ich zog an meiner zigarette und spürte nichts.

„jetzt kommt das linke bein langsam wieder zurück, merkst du das?“

linksseitig war mir wie gelähmt, die linke kopfhälfte fühlte sich, wie auch sonst immer, von mir abgespalten taub und doch brennend und schmerzhaft an. ich hatte das gefühl, daß genau in der mitte meines schädels eine axt steckte, die sich unter starkem spaltdruck zur linken seite neigte und mit schlägen weiter nach links gedrückt wurde und fühlte, wie die linke schädel- und gesichtshälfte durch den keil der axtschneide auseinandergebogen wurde und nach links wegbrach.

ich sagte es ihr.

„das kommt noch, das linke bein findet sich gerade, das kommt vom linken bein. und merkst du, wie jetzt auch das rechte bein kommt?“

„mein linkes bein ist vom unfall und durch jahrelang verschraubte platten darin etwas kürzer geworden.“

„das linke bein findet sich jetzt.“, hörte ich von ihr. „wo hast du bloß deine süße her, das ist ja eine ganz süße, so eine süße, wo hast du die denn nun her, sag doch mal.“

„aus greifswald.“, taumelte ich hervor, und mein gesicht preßte sich zu, um den linken kopfschmerz zu ertragen, ließ mich die augen kaum noch öffnen.

und auf unserer zugfahrt nach hause sprachen wir drüber und auch, daß die mutter meiner frau tatsächlich immer nach frankreich wollte, um einen baron oder adligen dort zu heiraten, lange bevor sie den vater meiner frau kennenlernte, der heute noch als 89-jähriger darüber schmollte und in eifersuchtszenen seine 92-jährige frau mitunter diesbezüglich anmachte.

wir fuhren mit der regionalbahn zurück nach hause und vor jedem halt in einem auf der strecke befindlichen dorf, erklang durch den lautsprecher ein fanfarensignal bevor der name der ortschaft angesagt wurde, und jedesmal hatte ich das gefühl, daß mit diesem fanfarensiganl eine attacke geblasen wurde, sodaß ich unwillkürlich mit der rechten hand zur linken hüfte griff, um meinen säbel zu ziehen. ich verstand zwar die ansage der ortschaft, doch sie kam nicht normal für mich rüber, hatte jedesmal eine merkwürdig abgewandelte aussage. ich sagte es meiner frau, und auch, daß ich jetzt, generationen zurück, die männliche linie in einer formierten soldatenkampflinie in der landschaft aufgereiht sah. große und kleine kerle, aufgereiht, mal auf einem bein kniend, andere aufrechtstehend, in unterschiedlichen uniformen, manche mit kinnbart unterm gurt des hohen soldatenhutes, andere mit vollbart, einige mit schnauzbart, einige ohne haare im gesicht, und ich sagte es voller angst und aufgelöstheit meiner frau. aber, oh gott, es ging weiter, und ich behielt es für mich… sie standen alle irgendwie verschmitzt grinsend, dort, hinter jedem bahnhof oder wenn der zug wieder anfuhr, grinsend, mit einem grinsen, dem man eine einladung auf einen womöglichen umtrunk nicht hätte abschlagen können, mit einer nicht ausgesprochenen einladung im gesicht, einer im felde stehenden einladung, im felde stehend einfordernd, es mit ihren zu hause zurückgelassenen oder sie im wagentross in die schlachten begleitenden frauen treiben zu sollen, und plötzlich in gestenreiche feindseligkeit wechselnd, unter aufgezeigten und angedeuteten todesandrohungen wie ein symbolisches kehledurchschneiden oder mir meine enthauptung anzeigend, falls ich es nicht tun würde. schleierhaft. schleierhaft für mich dieses zu sehen und zu empfinden. schleierhaft auch, wie mein nachname, mein name überhaupt ins französische passen könnte.

kurz bevor wir zuhause unsere wohnungstür aufschlossen platzte es, aus welchen impulsen auch immer, aus mir heraus: „weißt du, was mir gerade einfällt? was ich mir noch hätte wünschen sollen? hab’s nicht gemacht, hab’s da vergessen, ich hatte auch solche komische scheu plötzlich vor einem wünschen, so etwas hemmendes.“

„was denn?“

„daß ich nicht mehr spielen geh, nicht mehr in die spielotheken, das wär wichtig gewesen, oder? oh, das ärgert mich jetzt aber. das wär doch wichtig gewesen, oder nicht?“

„nicht so schlimm.“ antwortete meine frau.

 

am nächsten tag lag ich lang. mein gesicht zusammengepreßt, die augen von einer äußeren unsichtbaren kraft zugedrückt, jeder gang bis zur toilette, obwohl nur vier oder fünf meter lang, kam mir vor, wie ein nicht zu bewältigender marathonlauf und dazu alles voller aufgestellter, für andere unsichtbaren hürden, kaum zu überklettern, aber darunter hindurch kam ich auch nicht, obwohl ich doch schon gebückt lief. die von ihr provozierten nahtoderfahrungen schwappten im liegen erneut durch mich hindurch, ich spürte meine gespitzte todesnase, mein gespitztes todeskinn, die durch die oberlippe weggepresste und verschluckte todesstrichunterlippe, hob mich irgendwann dennoch empor, stützte mich bäuchlings mit den armen auf dem fußboden ab und absolvierte trotz druckrauschen und den alles umklammernden und einwebenden schädelschmerzen in kopf und hirn zwanzig liegestütze, überlegte, ob ich noch ein oder zwei oder gar drei liegstütze mehr machen sollte, brach dann aber mein mich hoch- und runterbewegendes stützen ab und dachte, daß ein todgeweihter sechundfünfzigjähriger mensch keine zwanzig liegestütze geschafft hätte, doch dieses denken schützte mich nicht, befreite mich von nichts, ließ mich nur rücklings wieder auf’s sofa fallen und mir die augen von außen zudrücken, meine lippen im zusammengepreßten gesicht krampfhaft und wie starr, fast im mund verschwindend, die nicht aufeinanderpassenden zähnen zusammengebissen, so grausam zu spüren und doch bißlos ertragend.

 

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