Kann man Blues im Computer produzieren?

unverbleitEs war vor einigen Jahren, als ich mich auf eine Platte freute. Eric Clapton hatte ein Tribute für den von mir hochgeschätzten Robert Johnson angekündigt. Nach ein paar Takten war Clapton für mich erledigt.

Völlig verzweifelt schaute ich ins Booklet und musste lesen, dass das ganze Album mit ProTools produziert worden war. Und das hörte man in jeder Sekunde: Kalt, leblos, steril – und tödlich langweilig. Da war die ganze Verzweiflung, die existentielle Hingerissenheit der Lieder von Johnson war dahin. Ok, auch Clapton war zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr der Gitarrist, der sich diesen Liedern wirklich hätte ausliefern wollen. Aber dass er – trotz der Beteiligung von großartigen Musikern an den Sessions – so einen seelenlosen Müll ablieferte, war eine Frechheit. Aber es ist eigentlich nur ein Symptom für die Art und Weise, wie man heute teilweise Musik produziert: Möglichst stromlinienförmig und perfekt. Nur keine Kanten zulassen, die einer Radiotauglichkeit im Wege stehen könnten.

Nun sind Computerprogramme nicht per se der Tod des Blues – hoffe ich jedenfalls nicht. Aber der Verlockung, möglichst allein eine Bluesplatte einspielen zu können, sollte man doch eher widerstehen. Ein Beispiel dafür ist Filled Up With Unleaded Blues des Italieners Fabio Santangelo. Wenn man die bei Jamendo veröffentlichte Platte anhört, könnte man zunächst denken: ok, hier ist ne Band zu Gange. Bissel langweilig vielleicht. Die Instrumentalisten sind nicht wirklich einfallsreich. Aber der Sound mit der verzerrten Gitarre und dem hallenden Piano ist nicht schlecht. Doch von Minute zu Minute wächst der Ärger. Denn da ist kein wirkliches Zusammenspiel zu merken. Kann aber auch schwerlich sein. Denn Santangelo hat das ganze Werk im Alleingang eingespielt und am Computer zusammengebastelt. Hilfsmittel war hier nicht ProTools sondern Magix Audio Studio 2005 DeLuxe. Die Harp hat er sicher live eingespielt. Und wahrscheinlich auch die Keyboards. Aber Bass und Drums sind sicher aus der Retorte. Und selbst bei den verzerrten Gitarrenlinien bin ich mir nicht sicher, ob die jemals auch nur in der Nähe von echten Saiten waren. Über so was kann ich mich endlos aufregen. Vor allem darüber, dass man ohne wirkliche musikalische Ideen ein Album auf die Menschheit loslässt und das dann auch noch Blues nennt. Denn das hat für mich was mit Ehrlichkeit und Seele zu tun, mit Hingabe an ein Gefühl und eine Botschaft. Und nicht mit Kunsthandwerk. Es gibt sicherlich schlimmere Bluesscheiben als die von Santangelo. Und sie ist auch nicht wirklich schlecht. Doch für mich ist sie einfach ein Symptom für einen falschen Weg in der Produktion.

Ich bin beileibe kein Feind von Computern, selbst nicht in der Musik. Doch im Blues haben sie wirklich nix verloren. Das behaupte ich jetzt mal und bleib dabei, bis mir jemand das Gegenteil akustisch beweisen kann. Groovende und seelenvolle Musik, die im Computer zusammengestellt wird, hab ich bislang hauptsächlich im Bereich der Dance-Musik gehört – Club des Belugas fällt mir da ein, oder der phänomenale Londoner DJ Healer Selecta. Auch The Very Best mit ihren electronischen Afro-Beats muss mann nennen. Da groovt die Musik ohne Rücksicht auf die Technik. Da sind Menschen am Werke, die nicht nur ihr Handwerk (die Komposition) und die Bedienung von Programmen verstehen sondern die auch noch den Spaß, den sie an der Musik haben, anderen weitergeben können.

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