Matthäus 19,16-26 – Reichtum und Vollkommenheit – 11. Juli 2010

Reichtum und Vollkommenheit – Predigt bei Ludwigsburg Anno 1377 am 11. Juli 2010
Anmerkung: Märchen sind das Thema beim Mittelalterspektakel Anno 1377 im Schloss Ludwigsburg. Daher hab ich zusätzlich zum Text auch noch ein Märchen in die Predigt aufgenommen. Der glückliche Prinz stammt von Oscar Wilde. Seinen Text habe ich leicht gekürzt und bearbeitet. Denn er würde sonst einfach zu lang sein.

Text: Matthäus 19,16-26

16 Und siehe, einer trat zu ihm und fragte: Meister, was soll ich Gutes tun, damit ich das ewige Leben habe?
17 Er aber sprach zu ihm: Was fragst du mich nach dem, was gut ist? Gut ist nur Einer. Willst du aber zum Leben eingehen, so halte die Gebote.
18 Da fragte er ihn: Welche? Jesus aber sprach: »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis geben;
19 ehre Vater und Mutter« (2.Mose 20,12-16); und: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3.Mose 19,18).
20 Da sprach der Jüngling zu ihm: Das habe ich alles gehalten; was fehlt mir noch?
21 Jesus antwortete ihm: Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach!
22 Als der Jüngling das Wort hörte, ging er betrübt davon; denn er hatte viele Güter.

23 Jesus aber sprach zu seinen Jüngern: Wahrlich, ich sage euch: Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen.

24 Und weiter sage ich euch: Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.
25 Als das seine Jünger hörten, entsetzten sie sich sehr und sprachen: Ja, wer kann dann selig werden?
26 Jesus aber sah sie an und sprach zu ihnen: Bei den Menschen ist’s unmöglich; aber bei Gott sind alle Dinge möglich.

Heute begegnen wir einem richtigen Goldjungen. Er hat fleißig seine Hausaufgaben gemacht. Er ist der Traum aller Schwiegermütter. Er hält die Gebote. Er ist gesetzestreu. Er weiß, was man vom ihm verlangt, und damals zu Zeiten Jesu war das nicht gerade wenig. Aber er hat es geschafft. Und nun sollte man glauben, Jesus wäre mit ihm zufrieden. Ich meine, er hat alles getan, was das Gesetz verlangt. Was fehlt ihm dann noch, um vollkommen zu sein?

Genau diese Frage stellt er Jesus. Was muss ich tun, um vollkommen zu sein? Was noch? Und Jesus sieht ihn nachsichtig an und sagt zu ihm: „Alles was du bisher getan und nicht getan hast, ist völlig in Ordnung. Aber jetzt will ich dir sagen, was dir fehlt, damit zu vollkommen wirst. Du sollst alles, was du besitzt, verkaufen. Und dann sollst den Gewinn den Armen geben. Und dann sollst du mir nachfolgen.“ Und nun steht da, dass der Mann betrübt davonging, denn er war sehr reich. Das war denn doch zu viel für ihn.

Ich stelle mir vor, dass die Jünger, die schon entschlossen waren, Jesus nachzufolgen, den jungen Mann gekannt haben. Sie haben gewusst, wenn es darum ging, das Gesetz zu befolgen, wenn es darum ging, die Gebote zu halten, dann konnten sie ihm nicht das Wasser reichen. Und vielleicht haben sie zu ihm gesagt: „Sprich mit Jesus, frag ihn, was zu einem vollkommenen Leben gehört.“ Und nun stehen sie da und hören mit an: was immer man vollbracht hat und wie viele Forderungen man erfüllt hat, das alles hilft nicht. Man kann verstehen, dass sie ziemlich aufgebracht sind über die Antwort, die Jesus gibt. Denn wer könnte es dann sonst?

Nein, und man kann verstehen, dass Jesus bei Lehrern und Priestern in Jerusalem schlecht angeschrieben war. Hier bemühte man sich, gute Moral in Herz und Sinnen junger Menschen zu predigen, und dann kommt er daher und wischt das alles vom Tisch mit der Bemerkung, es sei leichter für ein Kamel, durch ein Nadelöhr zu gehen, als dass ein so geschätzter Mann Vollkommenheit erlangt. Das ist einfach schwarzer Humor. Ein Kamel durch ein Nadelöhr! Er macht sie doch zum Gespött. Was in aller Welt sollen sie mit einem solchen Lehrer anfangen? Hier haben sie von früh bis spät gelehrt, wie man durch gute Werke und durch das Halten der Gebote zu Gott kommt. Und dann kommt Jesus und fertigt das alles ab, indem er eine Bemerkung darüber fallen lässt, dass man gute Werke vergessen könne, sie führten zu nichts. So jedenfalls fassen sie es auf.

Ja, aber handelt denn das Christentum nicht von guten Werken? Handelt das Christentum denn nicht davon, Gutes zu tun, die Gebote zu halten? Ja doch, und niemand von uns kann tatenlos zusehen und sagen, es werde schon alles gut gehen. Aber das ist nicht alles. Sondern es geht darum, dass man aufhört zu glauben, man könne alles selbst erreichen. Es geht darum, worauf man sich wirklich verlässt in seinem Leben: auf seinen Reichtum, seine Intelligenz, seinen Charme – oder wirklich auf Gott.

Denn was Jesus meint ist folgendes: Du musst ein Risiko eingehen, wenn du wirklich was Besonderes werden willst. Lass einfach mal los – und vertrau darauf, dass Gott bei dir ist. Und es geht auch wirklich nicht um Vollkommenheit, wie Du sie dir vorstellst. Es geht nicht um abrechenbare Sachen. Sondern es geht darum, Vertrauen zu lernen. Es geht darum, Zuhören zu lernen. Und danach Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen, die durchaus unerwartet sein können. Die auch weh tun, die aber gut und richtig sind.

Wie etwa die Schwalbe in dem Märchen vom glücklichen Prinzen.

Weit über der Stadt stand auf einer hohen Säule die Statue des glücklichen Prinzen. Er war über und über mit feinen Blättern aus Gold überzogen, als Augen dienten ihm zwei leuchtende Saphire und ein großer roter Rubin funkelte an seinem Schwertknauf.

Alle Menschen bewunderten den glücklichen Prinzen. „Er ist so schön wie ein Wetterhahn“, bemerkte einer der Stadträte, der stets darum bemüht war, den Ruf eines Kunstverständigen zu erlangen. „Nur nicht ganz so nützlich“, ergänzte er.

„Er gleicht einem Engel“, riefen die Waisenkinder, als sie aus der Kathedrale kamen. „Woher wollt ihr das wissen?“, raunte der Mathematiklehrer, „ihr habt doch noch niemals einen Engel gesehen“. „Oh doch, das haben wir, in unseren Träumen“, antworteten die Kinder; und der Lehrer schaute ärgerlich und streng vor sich hin, denn er mochte es gar nicht, wenn Kinder träumten.

Eines Nachts flog eine kleine Schwalbe über die Stadt des glücklichen Prinzen. All ihre Freunde waren schon vor Wochen nach Ägypten geflogen, in den warmen Süden, aber sie war zurückgeblieben, da sie sich in das schönste aller Schilfrohre verliebt hatte. Den ganzen Sommer hatte sie um das Schilfrohr geworben, doch als sie jetzt vor dem Winter in die Wärme fliegen wollte, musste sie erkennen: Dieses Schilfrohr hat mich die ganze Zeit zum Narren gehalten. Es will gar nicht mit mir leben.

Sie flog den ganzen Tag über und am Abend erreichte sie die Stadt. Da sah sie die Statue des glücklichen Prinzen auf der hohen Säule.

„Ich werde dort hinauf fliegen“, sagte sie, „das ist ein herrlicher Platz mit reichlich frischer Luft. „Nun habe ich ein Schlafzimmer aus purem Gold“, sagte sie leise zu sich selbst und bereitete sich zum Schlafen vor; doch gerade in dem Moment, als sie ihren Kopf unter den Flügel steckte, fiel ein großer Wassertropfen auf sie herab. „Wie seltsam“, dachte sie, „es ist nicht eine einzige Wolke am Himmel zu sehen, die Sterne scheinen klar und hell und doch regnet es. Das Wetter in Nordeuropa ist in der Tat fürchterlich.“ Da fiel ein weiterer Wassertropfen hernieder. „Welchen Nutzen hat eine Statue, wenn sie nicht einmal den Regen abhalten kann?“, fragte sich die Schwalbe. Und sie flog los.

Aber noch ehe sie die Flügel ausgebreitet hatte, fiel ein dritter Tropfen, sie blickte nach oben und sah: Die Augen des glücklichen Prinzen waren mit Tränen gefüllt – und Tränen liefen auch über seine goldenen Wangen. Und die Schwalbe hatte Mitleid.

„Wer bist du“, fragte die Schwalbe.
„Ich bin der glückliche Prinz“.
„Und warum weinst du dann“, wollte die Schwalbe wissen, „du hast mich ganz nass gemacht“.
„Als ich noch lebte“, antwortete die Statue, „wusste ich noch nicht, was Tränen bedeuten, denn ich lebte im Palast. Tagsüber spielte ich im Garten mit meinen Freunden und abends war Tanz. Um den Garten war eine hohe Mauer. Und nie fragte ich, was dahinter ist. So lebte ich und so starb ich. Und jetzt, da ich tot bin, haben sie mich hier aufgestellt, so hoch, dass ich all das Elend meiner Stadt von hier aus sehen kann; und obwohl mein Herz aus Blei gefertigt ist, muss ich weinen.

„Weit weg“, fuhr die Statue fort, „weit weg in einer engen Gasse gibt es ein ärmliches Haus. Durch das geöffnete Fenster kann ich eine Frau sehen, die an einem Tisch sitzt. Sie hat abgearbeitete rote Hände, ganz zerstochen von der Nadel, denn sie ist eine Näherin. In einem Bett, das in der Ecke des Zimmers steht, liegt ihr kleiner kranker Junge. Er hat Fieber und verlangt nach Orangen. Aber seine Mutter kann ihm nichts anderes geben als Wasser aus dem Fluss und darum weint er. Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe, willst du ihr nicht den Rubin aus dem Knauf meines Schwertes bringen? Meine Füße sind an dem Sockel befestigt und somit kann ich mich nicht bewegen“.

„Man erwartet mich in Ägypten“, sagte die Schwalbe. „Meine Freunde fliegen schon den Nil auf und ab.
„Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe“, sagte der Prinz, „willst du nicht doch noch eine Nacht bei mir bleiben und mein Bote sein? Der Junge ist so durstig und die Mutter ganz traurig“.
„Ich glaube, ich mag keine Jungen“, antwortete die Schwalbe. „Letzten Sommer, warfen die beiden Söhne des Müllers, zwei unerzogene Jungen, unentwegt Steine nach mir.“
Aber der glückliche Prinz sah so traurig aus und er tat der kleinen Schwalbe so leid, dass sie sagte: „Es ist zwar sehr kalt hier, aber ich werde trotzdem eine weitere Nacht bei dir bleiben und dein Bote sein“.
„Ich danke dir, liebe Schwalbe“, entgegnete der Prinz.

Und so pickte die Schwalbe den großen Rubin aus dem Schwertknauf des Prinzen und flog, ihn sicher im Schnabel tragend, über die Dächer der Stadt.
Schließlich erreichte sie das kleine Haus und sah hinein. Der Junge hustete und lag fiebrig auf seinem Bett, die Mutter war vor lauter Müdigkeit eingeschlafen. Die Schwalbe hüpfte hinein und legte den kostbaren Rubin neben den Fingerhut der Näherin. Dann flog sie vorsichtig über das Bett und kühlte dem Jungen die Stirn, indem sie leicht mit den Flügeln schlug.

Danach flog die Schwalbe zurück zum glücklichen Prinzen und berichtete ihm, was sie getan hatte. „Es ist doch sonderbar“, bemerkte sie, „obwohl es bitter kalt ist, fühle ich mich jetzt innerlich ganz warm“.
„Das kommt daher, dass du etwas Gutes getan hast“, sagte der Prinz. Und die Schwalbe begann darüber nachzudenken und schlief endlich ein.

„Heute Nacht fliege ich nach Ägypten“, sagte die Schwalbe am nächsten Morgen, und diese Aussicht versetzt sie in helle Vorfreude. Als der Mond aufging, flog die Schwalbe zum glücklichen Prinzen. „Hast du irgendwelche Aufträge für Ägypten?“, rief sie, „ich fliege jetzt los“.
„Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe“, sagte der Prinz, „willst du nicht noch eine weitere Nacht bei mir bleiben?“
„Ich werde in Ägypten erwartet“, antwortete die Schwalbe.
„Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe“, sagte der Prinz, „am anderen Ende der Stadt sehe ich einen jungen Mann in einer Dachkammer. Er sitzt dort über einen Schreibtisch gebeugt. Er versucht ein neues Schauspiel für den Theaterdirektor zu vollenden, aber er friert zu sehr, um weiter schreiben zu können. Das Feuer im Ofen ist erloschen und er ist vor Hunger ganz schwach“.
„Gut, ich werde noch eine weitere Nacht bei dir bleiben“, sagte die Schwalbe, die wirklich ein gutes Herz hatte. „Soll ich auch ihm einen Rubin bringen?“
„O weh, ich habe keinen Rubin mehr“, sagte der Prinz, „meine Augen sind alles, was mir geblieben ist. Sie sind aus kostbaren Saphiren gefertigt, die vor tausend Jahren aus Indien hergebracht wurden. Brich einen von ihnen heraus und bring ihn dem jungen Mann.“
„Lieber Prinz“, sagte die Schwalbe, „das kann ich nicht machen“, und sie begann zu weinen.
„Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe, tu, wie ich es dich geheißen habe“, sagte der Prinz.

Und so pickte die Schwalbe das Auge des Prinzen heraus und flog zu der Dachkammer des Studenten. Sie konnte leicht in die Kammer gelangen, weil ein Loch im Dach war. Der junge Mann hatte seinen Kopf in den Händen vergraben, so dass er das Flügelschlagen des Vogels nicht hörte, und als er aufblickte, fand er den wunderschönen Saphir.
„Endlich beginnt man meine Arbeit anzuerkennen“, rief er aus, „dies ist bestimmt von einem großen Bewunderer. Nun kann ich mein Stück beenden!“, und er sah ganz glücklich aus.

Am nächsten Tag flog sie zum glücklichen Prinzen zurück. „Ich bin gekommen, um dir Lebewohl zu sagen“, flüsterte sie. „Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe“, sagte der Prinz, „willst du nicht noch eine weitere Nacht bei mir bleiben“.

„Es ist Winter“, antwortete die Schwalbe, „und der Schnee wird bald hier sein. In Ägypten scheint die freundliche Sonne auf die Palmen. Lieber Prinz, ich muss dich verlassen, aber ich werde dich niemals vergessen; und im nächsten Frühjahr werde ich dir zwei wunderschöne Juwelen als Ersatz für diejenigen mitbringen, die du verschenkt hast.“

„Auf dem Platz dort unten“, sagte der glückliche Prinz, „da steht ein kleines Mädchen, das Streichhölzer verkauft. Sie hat ihre Streichhölzer in den Rinnstein fallen lassen und sie sind dadurch völlig unbrauchbar geworden. Ihr Vater wird sie schlagen, wenn sie kein Geld mit nach Hause bringt, und sie weint. Sie hat weder Schuhe noch Strümpfe und sie hat nichts auf ihrem kleinen Kopf. Reiße mir das andere Auge heraus, gib es ihr und ihr Vater wird sie nicht schlagen“.
„Gut, ich werde noch eine weitere Nacht bei dir bleiben“, sagte die Schwalbe, “ aber ich bringe es nicht fertig, dir das Auge herauszureißen. Du wärest dann völlig blind“.
„Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe“, sagte der Prinz, „tu, wie ich dich geheißen habe“.

Also pickte sie auch das andere Auge des Prinzen heraus und flog zielsicher damit nach unten. Sie schwirrte über den Kopf des Mädchens und ließ das Juwel in ihre Hand fallen. „Welch ein schönes Stückchen Glas“, rief das kleine Mädchen aus und lief lachend nach Hause.

Dann kehrte die Schwalbe zum Prinzen zurück. „Nun bist du blind“, sagte sie, „ich werde deswegen für immer bei dir bleiben“.
„Nein, kleine Schwalbe“, sagte der arme Prinz, „du musst nach Ägypten fliegen“.
„Ich werde immer bei dir bleiben“, sagte die Schwalbe und schlief zu Füßen des Prinzen ein.
Den ganzen nächsten Tag über saß sie auf des Prinzen Schulter und erzählte ihm, was sie in fremden Ländern gesehen hatte.
„Liebe kleine Schwalbe“, sagte der Prinz, „du erzählst mir wundersame Dinge, aber wundersamer als irgendetwas anderes ist das Leiden der Menschen. Es gibt kein größeres Geheimnis als das Elend. Fliege über meine Stadt, kleine Schwalbe, und erzähle mir, was du dort siehst“.

Und so erhob sich die Schwalbe in die Lüfte und sie sah die Reichen, die es sich in ihren schönen Häusern gut gehen ließen, während die Bettler an den Toren saßen. Unter einem Brückenbogen lagen zwei Jungen eng umschlungen, um sich gegenseitig zu wärmen. „Ihr dürft hier nicht liegen“, raunte ein Wachmann und sie verschwanden im Regen.
Daraufhin flog die Schwalbe zurück und erzählte dem Prinzen, was sie gesehen hatte.

„Ich bin über und über mit feinem Gold überzogen“, sagte der Prinz, „nimm es Blatt für Blatt ab und gib es den Armen; die Menschen meinen immer, dass Gold glücklich macht“.
Die Schwalbe pickte Blatt für Blatt des feinen Goldes ab, bis der glückliche Prinz ganz grau aussah. Blatt für Blatt brachte sie den Armen und die Gesichter der Kinder hellten sich auf, sie lachten und spielten in den Straßen. „Endlich haben wir Brot“, riefen sie.

Dann kam der Schnee und nach dem Schnee kam der Frost. Der armen kleinen Schwalbe wurde es kälter und kälter, aber sie wollte den Prinzen nicht verlassen, sie liebte ihn zu sehr. Sie versuchte sich dadurch warm zu halten, dass sie mit ihren Flügeln schlug. Aber schließlich spürte sie, dass sie sterben müsse. Sie hatte gerade noch die Kraft, um noch einmal auf die Schulter des Prinzen zu fliegen. „Leb wohl, kleiner Prinz“, flüsterte sie.
„Ich bin so froh, dass du nun endlich nach Ägypten fliegst, kleine Schwalbe“, sagte der Prinz, „du bist schon viel zu lange hier geblieben“.
„Ich werde nicht nach Ägypten fliegen“, sagte die Schwalbe. „Ich fliege zum Haus des Todes. Der Tod ist der Bruder des Schlafes, ist es nicht so?“
Sie küsste den glücklichen Prinzen auf die Lippen und fiel tot zu seinen Füßen nieder. In diesem Moment ertönte ein seltsames Krachen aus dem Inneren der Statue, gerade so, als wenn etwas zerbrochen wäre. Und tatsächlich war das bleierne Herz des Prinzen in zwei Teile zerbrochen. Es war wirklich ein furchtbar strenger Frost.

In aller Frühe am nächsten Morgen ging der Bürgermeister in Begleitung der Stadträte über den Platz unterhalb der Statue. Als sie an der Säule vorbeikamen, blickte er zu der Statue auf: „Oh je, wie schäbig der glückliche Prinz aussieht!“, sagte er. „Er ist kaum schöner als ein Bettler!“ „Und hier liegt sogar ein toter Vogel zu seinen Füßen!“, ergänzte der Bürgermeister. „Wir müssen dringend ein Gesetz verabschieden, das besagt, dass es Vögeln nicht gestattet ist, hier zu sterben“.

Also rissen sie die Statue des glücklichen Prinzen ab. Dann schmolzen sie die Statue in einem Hochofen ein.
„Wie merkwürdig doch!“, sagte der Aufseher in der Schmelzhütte. „Das zerbrochene bleierne Herz will im Ofen einfach nicht schmelzen, wir müssen es wegwerfen“. Und so warfen sie es auf einen Abfallhaufen, auf dem auch schon die tote Schwalbe lag.

„Bringe mir die beiden kostbarsten Dinge aus dieser Stadt“, sagte Gott zu einem seiner Engel; und der Engel brachte ihm das bleierne Herz und den toten Vogel.
„Du hast richtig gewählt“, sagte Gott, „in meinem Paradiesgarten soll dieser kleine Vogel für alle Ewigkeit singen und in meiner Stadt aus Gold soll mich der glückliche Prinz für immer lobpreisen“.

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