Predigt vom 14. Januar 2007 im "Kontorkeller am Markt" von FBG Raimund
Text: Jesaja 43, 19a (Jahreslosung 2007)

Ihr Lieben,

das neue Jahr soll gut werden, besser als das alte. Den Wunsch, „Alles Gute zum neuen Jahr" hört der im alten Jahr sitzen gebliebene Schüler, hört der arbeitslos gewordene Mann, die an Brustkrebs erkrankte Frau. Den Wunsch hört der Millionär, der nach dem für ihn guten Jahr 2006 auf ein noch besseres Jahr 2007 hofft. Die Hoffnung ist groß, gewaltig.

Das Internet bringt es an den Tag. Der Wunsch „Alles Gute zum neuen Jahr" wird von "Google" 1.990.000 mal in nur 0,25 Sek. nachgewiesen. Der Wunsch in Englisch formuliert „Happy New Year" wird von google gar 155.000.000mal in nur 0,05 Sek. gefunden.

Neues, so heißt bekanntlich das Computermagazin auf 3sat. Neues, das klingt so innovativ. Neues das ist es, wonach alles giert, wenn es mit der Wirtschaft aufwärts gehen soll. Neue Produkte braucht das Land. Neues heißt der Fetisch unserer Zeit und alle Welt tut alles, um sich auf diesem Gebiet global zu übertakten. Das sieht und erkennt wirklich jeder. Und eine chronisch schrumpfende Kirche hängt sich hintendran und beschwört im Zukunftspapier der EKD den unbedingten Willen zum Wachstum. Erreicht werden soll das durch missionarische Innovationskompetenz, als wäre in der Kirche wie in der Wirtschaft, im Himmel wie auf Erden nur das Neue heilbringend und seligmachend.

Die Sucht nach dem Neuen ist aber nicht das, worum es mir eigentlich geht – eher die Sehnsucht danach, dass die Dinge sich ändern in dieser Welt, in unserem Leben. Denn bei all meinem Mühen darum, mein Leben in den Griff zu bekommen, komme ich doch immer wieder an den einen Punkt: Was wirklich Neues, Besseres – das bekomme ich alleine nicht hin. Jeder Rückblick – ob zum Beginn eines neuen Jahres oder sonst irgendwann, wenn es mich überkommt, macht mir immer wieder deutlich: Ich hab meine Grenzen.

Die Erkenntnis von unseren Grenzen ist nicht neu. Sie veranlasste schon Berthold Brecht in seiner „Dreigroschenoper" zu dichten: Ja, mach nur einen Plan. Sei nur ein großes Licht! Und mach´ dann noch `nen zweiten Plan, Geh´n tun sie beide nicht."

Die Worte zeigen, dass Berthold Brecht pessimistisch ist. Das wird noch deutlicher, wenn man das ganze Lied liest, aus dem das Zitat stammt. Dort heißt es: Der Mensch packt`s nicht, weil er nicht schlau genug ist, weil er nicht schlecht genug ist, weil er nicht anspruchslos genug ist.

Dieser Pessimismus ist eigentlich nicht zu überbieten. Brecht weiß das natürlich auch und versucht deshalb, aus dieser Situation herauszukommen. Die Dreigroschenoper hat ein gutes Ende. Der drohende Tod wird in letzter Minute abgewendet. Aus dem Hut zaubert Brecht einen reitenden Boten, der die glückliche Wende herbeiführt. Dass das ein Trick ist, weiß Brecht auch. Mit einem Trick – ich könnte auch sagen: mit so einem Gag – können wir uns nicht zufrieden geben. Martin Luther war da konsequenter. Er stellt ohne jedes Wenn und Aber fest: „Mit unsrer Macht ist nichts getan".

Mit diesen Worten beginnt Luther den zweiten Vers seines Liedes „Ein feste Burg ist unser Gott". Das Lied ist eine Nachdichtung von Ps. 46. Dieser Psalm beginnt mit den Worten: „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke".Nur so, nur mit Gott, so ist Luther überzeugt, so sagt es auch die Bibel immer wieder – nur mit Gott kann wirklich was komplett Neues beginnen.

Gott spricht: „Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht?"

Es wird Neues geben. Aber nicht unter dem Gesichtspunkt: Das und das habe ich mir an Neuem und Anderem vorgenommen. Das plane ich. Jenes soll werden. Sondern Gott will die Veränderung hervorrufen. Das Neue, das ganz gewiss kommen wird, kommt durch Gott und nicht durch meine Planung. Das ist auch an der Wortwahl abzulesen: Siehe, ich will ein Neues schaffen. Schaffen: Dasselbe Wort wie zu Beginn von Welt und Zeit. Schöpfung. Das kann nur Gott. Wenn Neues im Leben entsteht, ist Gott, der Schöpfer lebensschaffend am Werk.

Das neue Jahr als Entdeckungsreise

Siehe, ich will ein Neues schaffen.
Siehe, das heißt: Wenn du entdecken willst, was Gott mit dir vor hat, dann musst du in deinem Leben und auf deinem Lebensweg die Augen aufmachen. Du musst die Entwicklungen und Weichenstellungen, die sich abzeichnen, aufmerksam verfolgen. Siehe! Das heißt: Gott hat mit jedem von uns etwas vor. Wir müssen es nicht erst erfinden. Es ist da. Es liegt bereit. Wir müssen es entdecken. Wie wäre das: An das neue Jahr herangehen, als wäre es eine
Entdeckungsreise, eine Reise voller Überraschungen? Nicht einfach eine langweilige und zufällige Abfolge von Tagen, wo man sich nur wieder mal wundert, wie schnell doch die Zeit vergeht.

Siehe, ich will ein Neues schaffen. Jetzt wächst es auf. Erkennt ihr's denn nicht?
Die Worte des Jesaja waren damals an die Menschen im babylonischen Exil gerichtet: Nach der Zerstörung Jerusalems und des Tempels durch die neue Großmacht der damaligen Zeit saßen sie verschleppt, ausgesiedelt im fernen Zweistromland: Menschen ohne Perspektive. Heimatlos, trostlos. Wer in einer solchen Situation ist, hat automatisch einen engen Horizont. Er kann nur zu Boden schauen. Er sieht nur das Nächstliegende. Er sieht nur seine Lage. Er lebt wie ein Pferd mit Scheuklappen. Da tut sich etwas. Viele andere, alle anderen ahnen es schon. Aber du siehst nichts. „Aber ihre Augen waren gehalten." So heißt es bei den Emmausjüngern, die traurig voranstapfen und den auferstandenen Jesus nicht erkennen können, der neben ihnen geht. Sie hängen ganz der Vergangenheit und dem Verlust nach und sehen nur, was nicht mehr ist.

Den neuen Wegen trauen

Perspektive, das brauchen wir mit einem Fremdwort. Per-spektive: Durch-schauen, durch-blicken. Und das geht oft nicht anders, als dass uns jemand an die Seite tritt, ein paar Schritte mit uns geht, uns die Augen öffnet und dann fragt: Siehst du's wirklich nicht? Selbst Perspektive finden und anderen Perspektive vermitteln.

Ein kleines Stückchen gehe ich noch weiter, ein Stückchen über die Jahreslosung hinaus, die nur der erste Teil eines Bibelverses ist:

Siehe, ich will ein Neues schaffen. Jetzt wächst es auf. Erkennt ihr's denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde. Was ist unter anderem das Neue, was Gott mit dir und mit mir vor hat: Er weiß einen Weg. Er weiß einen Weg, wo wir noch keinen sehen. Er sieht Leben, wo wir erst noch Dürre sehen. Neue Wege und fruchtbare Landschaften – das will Gott mit uns erreichen. Darauf kommt es ihm an, dass die gewohnten Perspektiven, die eingetretenen Pfade und Holzwege verlassen werden. Dass Menschen sich auf neue Wege machen, ihren Blickwinkel auf das Leben verändern und endlich auch ihr Leben insgesamt.

Nicht Augen zu und durch durch die nächsten Monate – sondern im Gegenteil: Augen auf und hinschauen, wo sich neue Möglichkeiten auf tun – dazu will uns die Jahreslosung immer wieder ermuntern. Und sie will daran erinnern, dass es eben nicht allein auf uns ankommt, was sich ändert. Sondern dass es Gott ist, der das Neue ermöglicht hat.

Amen.