diesmal war es schlimmer. ich hockte in der geschlossenen station der psychiatrie und wartete auf gar nichts, und ein riesiger taubstummer kerl kloppte das inventar im aufenthaltsraum entzwei und grunzte dazu. ich blieb einfach sitzen und hoffte doch noch, daß mich irgendein schweres schrankteil oder ein tisch oder eine zierpalme traf und auslöschl.

SORGENICHs MITTWOCHs-REVUE 2

irgendwann hatten sie den kerl überwältigt und bewegungslos gemacht, sein grunzen war in ein fürchterliches wimmern übergegangen, und ich saß immer noch und achtete nun auf eine frau, die mich schon vier- oder fünfmal mit der flachen hand auf den hinterkopf geschlagen hatte und nach jedem schlag einen kurvigen reißaus gelaufen war. der rummel mußte zuviel für sie gewesen sein, jedenfalls lief sie aufgescheucht durch den raum, nur mit riesigen pampers bekleidet, und diese pampers hochgezogen bis zur frei abhängenden brust. wieder und wieder nahm sie anlauf und stürzte mit erhobener hand auf mich zu. jedesmal sprang ich auf und schrie: „WEHE DU!!!!“ so laut ich konnte, und sie stoppte, verharrte mit erhobener hand, erstarrte einige sekunden und drehte dann wieder ab, um sich nach einer weile erneut mit einem anlauf und erhobener hand auf mich zu stürzen. merkwürdig war nur, daß sie niemand anderen zwischendurch attackierte, obwohl ich im aufenthaltsraum nicht alleine war. „HAU AB!!! WEHE DU!!!“ rief ich über stunden.
als mir endlich ein zimmer zugeteilt wurde, saß schon jemand auf dem zweiten bett. abwesend und schreibend, vollkommen vertieft große plus- und minuszeichen aufs papier bringend.
„tach‘, ich bin jürgen!“ schrie ich ihn vorsichtshalber an.
„stör‘ mich nicht, du!!!“ schrie er zurück.
„da ist ihr schrank, da können sie ihre sachen einräumen!“ sagte der pfleger zu mir.
„ich hab‘ doch gar keine sachen.“ antwortete ich.
„na dann die, heute nacht, die sie jetzt anhaben!“ und dann war der typ verschwunden.
alles war ich los, gürtel, schnürsenkel, mein feuer.
„ich hab die aidsformel entdeckt!“ löste mein zimmerpartner plötzlich mein dösen auf.
„ECHT! IST JA DOLL!“ schrie ich ihn sofort an.
mein schreien störte ihn nicht. wie ein ewiger freund saß er blitzschnell mit mir zusammen auf meinem bett und zeigte mir seine bekritzelten blätter, stellte mir die mathematischen zeichen dar.
„ganz einfach! plusmenschen müssen zu plusmenschen, denn minusmenschen plus minusmenschen machen aids wenn sie miteinander plussen! minusmenschen minus minusmenschen machen auch aids, wenn sie miteinander minussen müssen! nur wenn plusmenschen plus plusmenschen miteinander nicht minussen sondern plussen, wird aids nicht weiter verbreitet und ausgerottet! denn plusmenschen sind gute menschen und minusmenschen sind böse menschen! und wenn böse menschen miteinander plussen und minussen geht das mit dem aids weiter! nur wenn gute menschen miteinander plussen geht aids weg. selbst wenn gute menschen manchmal minussen!“
„ja, das kann hinhauen.“ sagte ich leise.
„man kann menschen aber auch teilen!“ sagte er.
„ich weiß.“ sagte ich.
„und du bist ein guter mensch, ein plusmensch. das habe ich gleich bemerkt!“ sagte er und rutschte ein bißchen näher.
„danke!“ sagte ich und fühlte mich ein klein wenig besser als vor meiner einlieferung und dem stundensitzen im aufenthaltsraum. wie gut es doch tat, nach jahren des zerstolperten daseins einmal als plusmensch empfunden und bezeichnet zu werden.
„und wenn du schläfst“, durchfuhr er mein gefühl, „dann werde ich dir dein blut ablassen und eine gefrierflüssigkeit einfüllen, dich einfrieren und nach fünftausend jahren wieder auftauen lassen! du bekommst dann eine plusfrau, und ihr müßt kinder machen! die zukünftige welt wird dann durch euch rein und plussig und vollkommen aidsfrei!“
entgeistert sprang ich auf, stieß ihn mit der faust gegen die brust, schubste ihn vom bett und schrie: „HAU AB HIER!!! WEHE DU KOMMST MIR AUCH NUR EINEN ZENTIMETER NAHE!! WEHE, WENN DU HEUTE NACHT AUCH NUR IN DIE NÄHE VON MEINEM BETT KOMMST!! ICH SCHLAG DICH TOT, DAS SAG ICH DIR!! WEHE DIR, AUCH NUR EINEN MILLIMETER, DU KAPUTTES ARSCHLOCH!!! HAU AB, DU!!! HAU AB…!!!“
der typ sammelte seine zettel auf und ging zu seinem bett, verstaute sich und die formeln unterm zudeck, zeigte nur noch seinen haarschopf her und schluchzte.
trotz beruhigender medikamente machte ich nachts kein auge zu, stand immer wieder auf, hielt mich in einem taumligen schrittempo wach, äugte immer wieder zum anderen bett, setzte mich auf einen stuhl, nickte ein, hatte angst, daß er mir im liegen mit seiner zahnbürste den hals aufreißen würde, legte mich im hellen zurück aufs bett und spürte die pampersfrau auf mich zurasen, schrie sie an, sah ihr erstarren im schlagen, sah wie sie sich umdrehte, um abermals in einem anlauf zielvoll zu erstarren…,
schreckte hoch, fragte mich warum ich hier liegen mußte, und dann fiel es mir sofort ein: weil’s draußen schlimmer war.

landt