Ray Charles – Biografie

1954 begannen viele Dinge: Es war das Jahr, in dem der oberste Gerichtshof der USA die Rassentrennung in den Schulen für ungesetzlich erklärte. Und als 1954 Elvis Presley seine Version des Blues ”That’s All Right“ von Arthur Crudup und des Country-Songs ”Blue Moon of Kentucky“ aufnahm, begann für viele die Geschichte des Rock ’n’ Roll.

Neu war daran auf jeden Fall die Fusion aus Rhythm & Blues und Country. Auch eine andere Fusion, nämlich die aus Rhythm & Blues und Gospel, fand 1954 erstmals ihren Weg in die Hitparaden. Einer der ersten Hits der so genannten Soul-Musik war ”I Got a Woman“.

Ray Charles war bis dahin  eher als Klon des angesagten Soft-Bluesers Charles Brown oder des Jazz- und Pop-Sängers und Pianisten Nat King Cole in Erscheinung getreten. Seine Bearbeitung von ”My Jesus is All the World to Me“ zu einem inbrünstigen Liebeslied schockierte daher die gut christliche Musikszene. Selbst Bluesveteran Big Bill Broonzy war empört:

”Er hat den Blues, aber worin er ihn herausweint, das ist das Heilige. Ich weiß, dass das falsch ist . . . er hat eine gute Stimme, aber es ist eine Stimme für die Kirche.“

Auch für Tina Turner, die gerade in der Frühzeit ihrer musikalischen Karriere gerne als wildes Weibsbild über die Bühne tobte, war Rays Fusion von geistlicher und weltlicher Musik ein wenig ”unanständig“. Es sei so, meinte sie, als habe Ray ”ein bisschen was Fieses unter dem Tisch hinterlassen“.

Die Übernahme von Gospelelementen wie etwa dem Frage-Antwort-Singen zwischen Solist und Background änderte die schwarze Popmusik grundlegend. Der Bluessänger war, um Eric Clapton zu zitieren, ”ein Mann und seine Gitarre gegen die Welt“. Er war eine Einzelperson, auch wenn er in einer Gruppe spielte. Der Soulmusiker, auch wenn er wie Ray Charles ein Solostar war, ist immer Teil einer Gruppe. Und damit passte die Soulmusik genau in die Zeit der beginnenden Bürgerrechtsbewegung in den USA in den 50ern und 60ern.

Ray Charles Robinson, 1930 in Florida geboren, wuchs zur Zeit der Rassentrennung in bitterer Armut auch. Mit sieben Jahren erblindete er. In einem Hinterhof seiner Siedlung lernte er Klavier spielen. Er besuchte die St. Augustin-Schule für Gehörlose und Blinde. Dort lernt er außerdem die Klarinette. Als seine Mutter, die ihn alleine großgezogen hatte, im Mai 1945 starb, war Charles vierzehn.

Er begann als Musiker in Florida zu arbeiten. 1947 zog er nach Seattle, Washington. Unter anderem leitete er die Tourband des Gitarristen Lowell Fulson und plante eine Tournee mit Ruth Brown. Seine erste Schallplatte ”Baby, Let Me Hold Your Hand“ wurde 1951 beim Seattler Label Swingtime aufgenommen. Erst bei Atlantic Records aber (1952-1959) wurde seine Musik in mehrfacher Weise (Gesang, Instrumentalstil, Komposition, Arrangement) unverwechselbar, da er hier Gospel- und Jazzeinflüsse betonte.

Atlantic Records war 1947 von Ahmet Ertegün, dem Sohn des türkischen Botschafters in den USA gegründet worden. 1956 stieß sein Bruder Nesuhi hinzu. Entscheidend mitgeprägt wurde die Veröffentlichungspolitik des Labels durch den Präsidenten der Firma, Jerry Wexler. Atlantic publizierte eine Vielzahl von Stilen: zeitgenössische Rhythm & Blues-Musik ebenso wie traditionellen Blues, Jazz und Pop. Mit LaVern Baker, Ruth Brown, und Ray Charles hatte das Label Ende der Fünfziger wegbereitende Künstler unter Vertrag. Weitere Atlantic-Acts waren der aus Philadelphia stammende Solomon Burke sowie Dionne Warwick und Bobby Darin.

Rays erster Erfolg für Atlantic war ”Mess Around“, der auf dem Klassiker ”Pinetop’s Boogie Woogie“ von Pinetop Smith aus dem Jahre 1929 basierte. Es folgten ”It Should Have Been Me“, ”I’ve Got A Woman“, ”This Little Girl Of Mine“, ”Drown In My Own Tears“, ”Hallelujah I Love Her So“ und ”Lonely Avenue“.

Während Charles die Hitparaden stürmte, verfiel er dem Heroin, das seine Karriere mehrmals an kritische Punkte brachte. 1965 wurde er wegen Heroinbesitzes zu fünf Jahren auf Bewährung verurteilt und machte einen Entzug und lebte seitdem ohne Drogen.

Nach seinem Auftritt auf dem Newport Jazz Festival 1958 wuchs sein Erfolg mit ”Night Time Is The Right Time“ und insbesondere mit der Eigenkomposition ”What’d I Say“, welche sich vor allem durch die innovative Verknüpfung von Elementen des Gospels mit Elementen des Rhythm & Blues auszeichnet. Charles machte Aufnahmen mit großen Orchestern und Jazzkünstlern wie Milt Jackson aber auch mit Country-Musikern wie Hank Snow. 1959 wechselte er zu ABC Records, wo vor allem Popmusikelemente in seine Musik flossen und Songs wie ”Unchain My Heart“ und ”Hit The Road, Jack“ entstanden.

1962 überraschte Charles das Publikum mit seinem Album ”Modern Sounds In Country And Western Music“, das er bei ABC aufgenommen hatte. Darauf waren Hits wie ”You Are My Sunshine“, ”Crying Time“, ”Busted“ und ”Take These Chains From My Heart“. Ein Farbiger, der Country-Hits interpretiert und damit international Erfolg hat: damit hatte niemand wirklich gerechnet.

Seit den 60er Jahren wurden seine Plattenproduktionen immer seichter. Der heftige Soul und Blues wich immer mehr radiofreundlichen Popsounds. Seine Version von ”Georgia On My Mind“, ein Song Hoagy Carmichaels, der eigentlich für ein Mädchen namens Georgia geschrieben wurde, wurde ein Hit (und 1979 zur Hymne des US-Staates Georgia). Immer wieder gelangte Charles mit seinen Songs in die Hitparaden. Doch eigentlich beruhte sein Ruhm immer mehr auf den Live-Auftritten in aller Welt. Oder auch auf Filmauftritten wie bei den Blues Brothers.

Ray Charles Leben wurde noch zu seinen Lebzeiten erfolgreich verfilmt. Und auch als Bluespianist wurde er endlich gehörig gewürdigt, als Clint Eastwood ihn in seinem Dokumentarfilm über den Pianoblues interviewte. Da sah man ihm seine Gebrechlichkeit schon an. Und so war es nicht wirklich überraschend, als Ray Charles am 10. Juni 2004 an den Folgen einer Lebererkrankung starb. Begraben ist er in seiner langjährigen Heimatstadt Los Angeles auf dem Inglewood Park Cemetery.
 

Autor

Der Theologe Gary Burnett unterrichtet Neues Testament und neutestamentliches Griechisch am Queen’s University Institute of Theology in Belfast. In seinem Blog "Down at the Crossroads" veröffentlicht er Texte, die besonders den Bezügen zwischen Blues und Glauben nachforschen. In der Glaubensgemeinschaft, in der Burnett lebt, organisiert er außerdem jedes Jahr einen Bluesabend wo es nicht nur Live-Musik gibt, sondern auch gemeinsam über Musik und Glauben nachgedacht wird. http://downatthecrossroads.wordpress.com

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