Liz Mandeville: Zwischen Wisconsin, Chicago und Clarksdale

liz clarksdale

Normaler Alltag eines Bluesjournalisten: Es kommt ein Album rein, das einen sofort packt. Man hört einmal, zweimal und dann fängt die Überlegung an: Reicht eine Rezension oder sollte man über den Musiker einen längeren Beitrag schreiben? Vor allem wenn die Künstlerin derartig vielseitig und faszinierend ist wie Sängerin/Gitarristin/Songwriterin/Journalistin/Malerin Liz Mandeville reicht eine Spalte nicht aus.

Wallfahrten sind nicht erst seit Hape Kerkeling wieder vollkommen en vogue. Für den Bluesfan sind die Fahrten „in den Süden“, nach Mississippi schon seit den ersten field-recording-Trips der Plattenfirmen in den 20er Jahren bekannt. Beliebt wurden sie dann so richtig in den 50er und 60er Jahren, als weiße Folkies sich auf die Suche nach den Musikern machten, die damals auf Platten aufgenommen wurden. Und auch wenn heute von denen niemand mehr am Leben ist – der Geist des Blues scheint im Delta stärker zu wehen als meinethalben in der Greifswalder Altstadt oder den Getreidefeldern in Kansas.

Eigentlich hätte Liz Mandeville eine solche Reise zu den Bluesquellen kaum nötig. Schließlich ist sie doch schon seit Jahrzehnten konstant in Chicago in den Bluesclubs zu Hause, schreibt ihre Blueskollumnen für ein Online-Magazin und macht ihre Bluessendung im Radio. Für Bluessongs, die sich nicht sehnsuchtsvoll in eine imaginierte Verganheit richten scheint mir das die richtige Umgebung zu sein. Aber klar doch: Claksdale, Mississippi, kann natürlich ein Ort sein, wo man von all den Einflüssen der Großstadt auch mal Abstand gewinnen kann und wieder den Blick auf das Wesentliche richtet. Und nachdem Songwriterin/Gitarristin Liz Mandeville 2009 durch eine Krankheit aus der Bahn geworfen wurde, reiste sie 2010 dorthin, um Inspiration zu suchen. Unterkunft fand sie im „Muddy Waters Room“ des Riverside Hotels. Und dort erstanden dann die Lieder für ihr 2012 veröffentlichtes Album „Claksdale“: Lieder die ganz klar vom ominösen Geist des Südens beeinflusst sind aber ebenso auch davon zeugen, wie eine Musikerin ihr Leben neu in Musik abbildet. Die Anfänge liegen allerdings weder in Mississippi noch in Chicago sondern in Wisconsin, was für die gefallenen Engel im Film „Dogma“ fast so schlimm war wie die Hölle. Für Mandeville war es wohl ein besserer Platz zum Aufwachsen. Denn sie lebte in einer kunstbegeisterten Familie. Ihr Vater spielte Foksongs und besuchte Kunstkurse am Chicago Art Institute, die er sich von der Army nach seinem Dienst im Koreakrieg bezahlen ließ. Von ihm lernte sie schon früh das Singen und auch die Malerei. Ihre Mutter war Schauspielerin und unterrichtete andere darin. Sie nahm Liz mit in Konzerte, Musicals und natürlich ins Theater. Und sie bestand darauf, dass Liz auch Musikunterricht und Tanzkurse bekam. Hinzu kam noch die Musik aus der Stereoanlage, die eigentlich ständig lief. Dort konnte man in einem Moment Strawinsky hören und kurze Zeit später Mahailia Jackson, Leadbelly oder Hank Williams. Und wenn Künstler zu Besuch waren, wurde Liz ermutigt, mit ihren eigenen künstlerischen Arbeiten zur Unterhaltung beizutragen, ob das nun kleine Stücke oder eigene Songs waren.

Und auch der Süden spielte damals schon eine Rolle. Denn während seiner Grundausbildung für die Armee hatte sich der Vater in die Stadt New Orleans verliebt. Und so endeten die Urlaubsreisen der Familie mit schöner Regelmäßigkeit dort. Auf dem Wege dorthin lernte Liz gleich noch die ganze Bandbreite der amerikansichen Musik kennen, von den Folksongs in den Appalachen über Gospel und Jazz bis hin zum Rhythm & Blues von New Orleans. Und als Liz mit 16 Jahren ihre erste eigene Gitarre erhielt, war klar, dass sie bald darauf in der Lage war, professionell als Musikerin zu arbeiten. Wobei eine solch behütete und reizvolle Kindheit, wie sie Liz auf ihrer Homepage schildert, eigentlich nicht der Stoff ist, aus dem eine Bluesmusikerin geboren wird. Jedenfalls dann nicht, wenn man unbedingt die Klischees vom harten Leben, das den Blues hervorbringt, als Maßstab setzen will.

Die Musik jedenfalls brachte Liz Mandeville dann nach Chicago, wo sie sich schnell einen Namen machte als Gitarristin und als Songwriterin. Ihr Spiel auf der Gitarre vergleichen sie mit Chet Atkins. Auf jeden Fall gehört sie nicht zu den harten Riff- und Tempofanatikern sondern hat einen Stil gefunden, der jazzig und swingend ist. Und als Songwriterin: Hier ist eine Frau, die einerseits persönliche ergreifende andererseits auch äußerst humorvolle Stücke schreibt. Ganz im Stile der 20er Jahre werden da die Freuden zu Hause gekochter Mahlzeiten mit sexuellen Unterönen aufgeladen. Oder das Gegenüber wird direkt aufgefordert: „Rub My Belly“. Und dann gibts es auch noch die Lieder als Kommentare zur Gegenwart, ob über das Leben armen Männern, die einfach um einen Job zu haben, in die Nationalgarde eintreten und sich plötzlich im Irakkrieg wiederfinden, oder das Hochwasser in Memphis. Vier Platten erscheinen im Laufe der Zeit. Und mit dem 2008 erschienenen „Red Top“ kommt sie bis auf Platz 3 der Radio Charts des Roots Music Report. Mehr als 20 Wochen bleibt das Album drin. Und „Scratch The Kitty“, einer der Songs der Scheibe ging bis auf den ersten Platz der Cashbox Charts und dürfte heute einer der am meisten (kostenpflichtig) heruntergeladenen Bluessongs überhaupt sein.

liz clarksdaleJetzt also „Clarksdale“, das Album zur Südreise. „Come Out Swinging“ ruft sie gemeinsam mit Willie „Big Eyes Smith“ und Bassist Darryl Wright. Das Motto stimmt. Von Anfang an packen die Songs. Es gibt die ganz persönlichen Lieder wie „Walking & Talking With You“ oder das a capella gesungene „No Fear/Everything“, bei dem auch dem Letzten Ignoranten klar werden dürfte, wass hier für eine großartige Sängerin am Mikrophon ist. Es gibt natürlich das Lied zur Reise und die Geister der Bluesgeschichte – „Clarksdale/Riverside Hotel Blues“. Und Die Band harmoniert. Eigentlich hatte Liz das ganze Album mit Smith einspielen wollen. Doch leider starb er vor der angesetzten zweiten Session. Aber immerhin spielt er bei der Hälfte der Lieder das Schlagzeug und bei zweien auch nochmal die Bluesharp. Waren das die letzten Aufnahmen der Legende? Beim Rest des Albums wird die Besetzung variabler. Da ist die wundervolle Slide-Gitarre von Donna Herula (mit der Mandeville ein äußerst erfolgreiches Duo in Chicago hat), die die swingenden Saiten rockig aufrauht. Bei „Sweet Potatoe Pie“ (noch so eine zum Grinsen lustige Geschichte über Essen und Sex wie auch schon der Opener „Roadside Produce Stand“) spielt Eddie Shaw sein legendäres Saxophon.

„Claksdale“ ist die erste Veröffentlichung auf Mandeville‘s eigenem Label Blue Kitty. Auf die Idee hatte sie Willie „Big Eyes Smith“ gebracht. Wenn Du wirklich was erreichen willst, dann mach dich von den Labels unabhängig, nimm die Sache selbst in die Hand. Man kann gespannt sein, was sie in den nächsten Jahren außer den eigenen Platten noch veröffentlichen wird. Denn nicht nur beim aktuellen Chicago-Blues hat sie den kompletten Durchblick. Auch was außerhalb der Stadt passiert, nimmt sie wahrscheinlich mehr als nur am Rande wahr. Denn schließlich muss ihre regelmäßige Rubrik „Inside The Blues“ beim „Chicago Blues Guide“ gefüllt werden. Ob sie dort über Konzerte in den Clubs der Stadt schreibt oder auch Platten von Kollegen rezensiert: Sie schreibt über den Blues, so wie sie ihn selbst auch singt und spielt: Voller Liebe und Offenheit und Begeisterung. Auch wenn sie nicht wirklich der große Fan von Hightspeed-Bluesrockgitarren ist – auch solche Musiker werden von ihr mit so viel Spaß besprochen, dass man wirklich eigentlich sofort in den Plattenladen rennen könnte. Hinzu kommt dann auch noch eine Radiosendung bei WNUR-FM mit ihr. Und wenn das noch nicht genug wäre – wahrscheinlich ist es das, was Kollegen dazu bringt, sie als echte Renaissance-Frau zu bezeichnen – zwischendurch findet sie immer noch Zeit für die Malerei. Wobei gerade die Gemälde aus den Bluesclubs in ihrer farbigen Direktheit und nur scheinbaren Naivität ihre eigene Musik auf eine ganz eigene Weise ergänzen: Nichts ist nur „gewollt“. Überall ist da die Künstlerin in jeder Nuance zu spüren. Und das ist es, was den Blues heute und überhaupt so wichtig macht.

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