Little Walter – Biografie

Kein Mundharmonikaspieler hat die Entwicklung des Instruments in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stärker beeinflusst als Little Walter Jacobs. Bei ihm wurde die vor allem im ländlichen Raum beliebte Harp zu einem elektrischen und elektrifizierenden Instrument. Von Anfang an setzte Little Walter darauf, Mikrophon und Verstärker als Teil der Klangerzeugung und -verfremdung zu nutzen. Damit gehört er neben Musikern wie Muddy Waters, Howlin Wolf oder Willie Dixon zu den prägendsten Figuren des elektrischen Chicago-Blues.

Wann Little Walter geboren wurde, ist nicht wirkich bekannt. Lange ging man vom Jahr 1930 aus. Mittlerweile legen neue Unterlagen nahe, dass er auch schon 1925 geboren sein könnte. Sein Geburtsort jedenfalls war Marksville in Louisiana. Das Harmonikaspiel erlernte er bereits als Kind in Rapides Parish. Schon mit zwölf Jahren schmiss er die Schule hin und zog durchs Land, spielte in New Orleans, Memphis und St. Louis. Sein Spiel auf der Harp (und auch auf der Gitarre) verfeinerte er, indem er mit älteren Musikern zusammen spielte, unter anderem mit dem zweiten Sonny Boy Williamson, mit Sunnyland Slim oder David „Honeyboy“ Edwards.

1945 kam er schließlich in Chicago an. Und da war er nicht so sehr als Gitarrist gefragt, sondern als Virtuose auf der Bluesharp. So begleitete er etwa Musiker wie Floyd Jones. Und dabei klinkte er sein Mikrophon in den freien Eingang eines Gitarrenverstärkers ein, um mit der Lautstärke der anderen Instrumente mithalten zu können. Auf die Idee waren auch schon andere Zeitgenossen gekommen. Doch keiner nutzte bislang die Verstärker nicht nur im eigentlichen Sinne, sondern auch als Weg, den Tod zu verzerren und zu verändern.

Jacobs erste eigenen Aufnahmen allerdings ließe noch nicht so viel von dieser musikaischen Revolution erkennen. Das kam erst, als er 1948 zur Band von Muddy Waters stieß. Dort durfte er 1951 erstmals die verstärkte Harp auch im Plattenstudio spielen. „Country Boy“ hieß die für Chess entstandene Single. Und Chess war es auch, die Little Walter auch nach seinem Abschied von der Waters Band immer wieder zu dessen Aufnahmesessions hinzu zog. Seine Harp gehört damit untrennbar zu Muddy Waters’s klassischen Aufnahmen der frühen 50er Jahre.

1952 begann Little Walter dann auch mit eigener Band Platten zu veröffentlichen. Ganze 14 Hits hatte er in den Jahren bis 1958. Am bekanntesten ist davon sicherlich das von Willie Dixon geschriebene „My Babe“. Daneben schrieb er auch eigene Songs, die nicht nur die klassischen Bluesthemen und -phrasen aufnahmen, sondern auch jazzigere Klänge in den Chicagoblues einbrachten.

Walters Band war damals die vielleicht beste Begleitgruppe des Chicagoblues mit den Gitarristen David und Louis Myers und Schlagzeuger Fred Below. Er hatte diese Truppe seinem Kollegen Junior Wells ausgespannt, als der seinen Platz in der Band von Muddy Waters übernahm. Aber im Laufe der Jahre warf er jeden einzelnen von ihnen aus der Band und ersetzte sie etwa durch die Gitarristen Robert „Junior“ Lockwood und Luther Tucker.

Denn Little Walter war nicht nur ein begnadeter Musiker. Als Mensch war er äußerst heißblütig und ging keiner Schlägerei aus dem Weg. Zudem versank er immer mehr in der Alkoholsucht, was sein Verhalten noch unberechenbarer machte. So begann in den späten 50er Jahren der unaufhaltsame Niedergang von Little Walter Jacobs. Der Musikgeschmack der Jugend hatte sich durch den Rock & Roll gewandelt. Und er selbst war letztlich sein eigener größter Feind geworden.

Dennoch tourte Little Walter 1964 und 1967 zwei Mal durch Europa. Die zweite Tour zeigte ihn als Teil des damaligen American Folk Blues Festival. Dabei spielte er nicht nur als Solist sondern begleitete auch Hound Dog Taylor und Koko Taylor. Hierbei entstanden auch die einzigen Filmaufnahmen, die es von diesem Musiker überhaupt gibt.

Wenige Wochen nach der Rückkehr der zweiten Europatour geriet Little Walter mal wieder in eine Schlägerei während der Konzertpause in einem Nachtclub der South Side von Chicago. Eigentlich erlitt er dabei nur leichte äußere Verletzungen. Doch trotzdem starb er daran im Schlaf am 15. Februar 1968 in der Wohnung einer seiner vielen Freundinnen. Auf dem Todesschein wurde als Ursache eine Thrombose am Herzen angegeben.

2008 nahm man Little Walter (und gleichzeitig den Hit „My Babe“) in die Blues Hall of Fame auf. Im gleichen Jahr erfolgte dann auch seine Aufnahme in die Rock & Roll Hall of Fame. Denn zusammen mit Muddy Waters, Howlin Wolf oder Sonny Boy Williamson II hatte er die musikalische Entwicklung der jungen britischen Rockszene entscheidend geprägt.

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