Jes Holtsø: Nennt ihn nicht Börge!

Die Wiedergeburt als Bluessänger.

Es gibt Momente, da weiß man einfach, dass hier etwas ganz Bedeutendes geschieht. Als Janis Joplin in Monterey „Ball and Chain“ mehr zelebrierte als sang, war die Frage, ob Weiße den Blues singen können, für das weibliche Geschlecht ein für allemal geklärt. Und als Joe Cocker in Woodstock mit seinen unbeholfenen Bewegungen und seiner aus tiefstem Herzen kommender Stimme „With A Little Helpf From My Friends“ ins Publikum schrie, war selbiges auch sofort davon überzeugt, dass hier ein echter Bluessänger geboren war.
Ähnlich ging es mir am 11. Mai im St. Spiritus zu Greifswald. Im Rahmen des Festivals Nordischer Klang trat dort Jes Holtsø erstmals in Deutschland auf:

Ein kleiner Mann, die Bewegungen oftmals unbeholfen wirkend. Doch jede Note, die er sang, röhrte, kreischte oder auch schmachtete, traf sofort ins Herz und die tiefste Magengrube: Das ist Blues von der persönlichsten Art. Hier legt einer seine ganze Verletzlichkeit, seine Gefühle und seinen Humor ganz in die Musik. Und er schert sich scheinbar überhaupt nicht drum, ob das zeitgemäß, radiokompatibel oder was auch immer ist. Hier singt ein Mann um sein Leben. Oder um sein neues Leben als Musiker?

Viele kennen Holtsø ja eher unter dem Namen Börge, der Filmrolle bei der legendären Olsenbande: Kjelds Sohn, der immer dann zum Einsatz kommt, wenn mal wieder jemand jüngeres gebraucht wird. Von der Kindheit über die Konfirmation bis zur Hochzeit erlebten die Fans ein Leben mit, das eigentlich gar nichts mit dem Schauspieler zu tun hat. Nach dem Ende der Filmreihe kam dann nicht mehr viel von ihm. Höchstens die Fernsehserie „Oh diese Mieter“. Aber dann folgte für Holtsø, wenn man den Berichten glaubt, ein jahrelanger Absturz in Drogen und Alkohol. Erst vor einigen Jahren tauchte er dann in einer Talentschow im dänischen Fernsehen auf und kam bis ins Finale.

Mit der Band des Keyboarders Morten Wittrock sind danach bislang zwei Alben erschienen. Und vor allem das 2012 veröffentlichte „Big Easy“ ist in seiner persönlichen Direktheit kaum zu übertreffen: „Big Easy“ zeigt ihn als gebeutelten Sänger, der ohne falsche Romantik auf die Welt schaut – es sind Schulden zu begleichen, der große Leichtsinn mag locken, aber eigetnlich ist schon klar, was daraus folgt. Aber dennoch ist da die unstillbare Sehnsucht, aus dem alltäglichen Leben wieder auszubrechen. Whisky und Lügen haben das Leben zerstört. Und es bleibt die Sehnsucht, dass da jemand ist, der einen auffängt und hält. Die Musik spielt dazu irgendwo zwischen modernem Blues und Soul, ab und zu kommt ein wenig Reggae dazu. Klar auch der Wille zu einer „smokin good time“ kommt gerade im Konzert nicht zu kurz. Oder das Liebesbekenntnis, das mit all der unbeholfenen Verletzlichkeit ins Mikrophon gesungen wird: Das ist Blues von allerhöchster Güte – gesungen von einem der eindrücklichsten Bluessänger, die in Europa heutzutage unterwegs sind. Der Vergleich zum jungen Cocker ist für mich durchaus berechtigt. Man könnte auch den jüngeren Mitch Ryder oder Eric Burdon nennen. Für die Kompositionen zwischen moderenm Blues, Soul und Funk ist Wittrock zuständig. Und waren gerade auf dem ersten Album noch Texte mit den bluestypischen Klischees und Örtlichkeiten jenseits der dänischen Küsten zu finden, so ist „Big Easy“ mit den persönlichen Offenbarungen in der Realität angekommen, einer Realität, die Klischees höchstens braucht, um persönliche Wahrheiten verständlich zu verpacken. Wenn der Sänger ins Mikrophon singt, dann wird klar, dass der Blues durchaus ein „Serious Business“ ist, das man nicht leichtfertig beginnen sollte. Jedenfalls dann nicht, wenn man Blues nicht als kneipenkompatible Geräuschkulisse sondern als persönliches Statement, als Ritual zur Heilung betrachtet.

Als das Konzert zu Ende war, die letzte Zugabe gesungen, die Besucher glücklich, die Band ausgepowert und erschöpft, da meldeten sich doch noch mal die Börge-Fans: Mitglieder des deutschen Olsenbande-Fanclubs kamen auf die Bühne und ernannten den Sänger zum Ehrenmitglied ihres Vereins. Dafür waren sie extra aus Leipzig angereist. Doch dieser Teil seines Lebens ist für ihn wohl nicht mehr so wichtig. Die Autobiographie ist geschrieben, die Drogensucht überwunden. Jetzt ist er ein Bluessänger. Nennt ihn nicht mehr Börge. Das würden nur Insider verstehen. Jes Holtsø ist ein Bluessänger, von dem man hoffentlich möglichst lange noch möglichst viel hören möge. Sänger wie ihn gibt es viel zu wenige hie in Europa. Und auch in den USA kann man bei den weißen Sängern lange suchen, ehe man jemanden mit seiner Kraft und Verletzlichkeit findet.

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