The Allman Brothers – At the Beacon

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CoverWenn es eine Band gibt, die die Bezeichnung lebende Legende verdient, sind es mit Sicherheit auch die Allman Brothers. Obwohl z.B. bei Wikipedia die Bandgeschichte Mitte der 90er aufhört, existieren sie weiter bis heute, so sind im März 2011 diverse Konzerte im Beacon Theatre in New York geplant, obwohl Gregg Allman, der Sänger und Mitbegründer, gerade im letzten Sommer eine Lebertransplantation hinter sich brachte. Dieses Ereignis verhinderte das Auftreten der Band auf Claptons „Crossroad-Festival“ 2010. Allerdings spielten zwei der Musiker trotzdem auf diesem Festival.

Gäbe es bei den Rezensionen auf der WP eine Bewertung der zu rezensierenden Scheiben wie beim Rolling Stone würde die o.g. DVD in der Rubrik „Pflichtkauf“ landen, soviel sei vorweggeschickt.

Das Phänomen der Allman Brothers beschränkt sich nicht auf eine Band, zum Kreis der Band gehören die Derek- Trucks- bzw. die Derek-Trucks and Susan Tedeschi-Band genauso wie die Band Gov´t Mule, die alle eine Art Ableger des Mutterschiffs sind. Im Prinzip könnte man sogar noch Dicky Betts Great Southern dazurechnen.

Die Allman Brothers werden oft als Südstaatenband bezeichnet, was musikalisch nicht viel aussagt, mit Lynyrd Skynyrd verbindet sie musikalisch vielleicht die Vorliebe für Slide-Gitarren und mehrere Leadgitarren, aber gewiß nicht mehr. Auch REM kommen aus dem Süden, ohne dass man für diese Band das Etikett „Southern Rock“ benutzen würde.
Die Allman Brothers sind eine Jam-Band, ihr Wurzeln liegen natürlich auch im Blues, aber genauso im Country und im Jazz, was sie von den meisten Rockbands unterscheidet. Musikalisch sind sie vielleicht am ehesten mit den Grateful Dead verwandt, auch besetzungstechnisch, spielen doch beide Bands mit zwei Drummern. (Kurzer Einschub: eine bizarre Episode der Deads gibt es auf You Tube, nämlich das Konzert im Rockpalast 1981. Vor den Deads spielte The Who, normalerweise das Todesurteil für jede Band danach. Die Deads meistern das souverän. Bei dem Titel „Not Fade Away“ versucht Pete Townsend, der nie ein guter Leadgitarrist war, mitzujammen, hat aber keinen Plan und geht jämmerlich unter in den langen Improvisationen von Jerry Garcia und Co.)

Vom langweiligen Gedudel der Grateful Dead trennen die Allman Brothers Welten. Die Band wurde Ende der 60er von den Brüdern Duane und Gregg Allman gegründet. Die Formation entstand aus dem Zusammenschluß mehrerer Bands nach einem 4-stündigem Jam, in der nur ein Shuffle gespielt wurde. Rückgrat waren die beiden Drummer Butch Trucks und Jaimoe (der vorher bei Otis Redding spielte, auch in einer Besetzung mit zwei Drummern). Vorne stand eine Leadgitarren-Sektion mit Dicky Betts und Duane Allman, den wahrscheinlich besten Slide-Gitarristen der Rockgeschichte (mit den Ausnahmen beschäftigen wir uns weiter unten), die Songs sang und schrieb Gregg Allman. Zur Legende wurde das Live-Album „Live at the Fillmore East“, das noch heute eines der besten Live-Alben aller Zeiten ist. Da fahren die Allman Brothers alles auf- atemberaubende Gitarrenduelle, geniale Songs wie das von Dicky Betts geschriebene „Jessica“. Höhepunkt ist das 18minütige „Whipping Post“. Noch heute gibt es in Gitarrenmagazinen lange Diskussionen, welche Gitarre Betts und Duane bei dieser Aufnahme spielten, genauso heiß ist die Diskussion über verwendete Verstärker und sogar über die darin enthaltenen Speaker. Der deutsche Gear-Guru Udo Pieper verwandte viele Seiten in „Gitarre & Bass“ auf dieses Thema!

Fast jeder kennt zumindest ein Gitarrenstück von Duane Allman, er nämlich spielte das Slide-Intro bzw. das markante Riff von Claptons „Layla“. Er war bei den Aufnahmen zum „Layla“-Album Claptons gleichwertiger Partner und Inspirationsquelle. Dann schlug das Schicksal zu- Duane verunglückte mit dem Motorrad bei den Aufnahmen zu „Peach“, fast an derselben Stelle und ebenfalls auf einem Bike dann auch der Bassist. Es folgten Besetzungswechsel, so spielte der Pianist Chuck Leavell, der seit über 20 Jahren mit den Stones tourt, auch bei den Allman Brothers. Den Rest besorgte die Nemesis aller Bands der 70er, die Drogen. Gregg Allman sagte in einem Drogenprozeß gegen ein Mitglied der Crew aus, damit zerfiel alles.

Erstaunlicherweise kam es in mehrfacher Hinsicht zu einer Wiedergeburt der Band, und das quasi aus eigenem Nachwuchs. Die Band rekrutierte Warren Haynes, einen Gitarristen und Sänger, der als Slide-Experte gilt und bei der Rolling- Stone Rangliste der besten Gitarristen aller Zeiten auf Platz 23 kam. Dann kam fast noch ein Kind zur Band- der Neffe des Drummers Butch Trucks, Derek Trucks, jammte schon als Kind mit der Band und entpuppte sich als extrem talentiert. Nur logisch, das er dann 1999 mit 20 Jahren zur Band stieß. Es gibt wenige Gitarristen, die man am Ton erkennt, vielleicht Mark Knopfler, Brian May und Jeff Beck. Trucks gehört dazu. Er spielt ausschließlich in einer offenen E-Stimmung und mit Fingern und sein Slide-Spiel ist definitiv (nach meiner Meinung) das Beste des Planeten. Er hat indische Musik studiert, spielte auch mit Jazzgrößen wie McCoy Tyner (auf dem Album „Guitars“) und war ein Jahr Mitglied von Claptons Tourband.

Auf der o.g. DVD ist Trucks also mit Warren Haynes in der Doppel-Leadgitarren-Fraktion zu sehen, am Bass ist der ebenfalls junge Oteil Burbridge zu sehen. Warren Haynes (geb. 1960) steht generationstechnisch zwischen der Generation von Trucks und den alten Mitgliedern. Vielleicht ist dies das Geheimnis der Band. Was sie auf dieser DVD zeigen, gehört definitiv zum Besten. Allmans Stimme hat etwas gelitten, aber er ist weg vom Alkohol und scheint in guter Verfassung zu sein. Die Rhythmus-Fraktion ist eine Sache für sich- der Druck kommt von Butch Trucks, während Jaimoe für überraschende Fills sorgt und der Percussionist Marc Quinones versucht, die Räume, die die beiden lassen, mit seinen Congas zu nutzen.

Aber das Beste sind eben die Gitarren- selten oder nie spielen zwei Gitarristen so dicht und so perfekt zusammen, ohne sich gegenseitig zuzudecken. Haynes sorgt mit seiner Les Paul oder seiner ES 335 für die etwas massivere Klangfarbe, während Trucks auf seiner SG etwas weniger Druck erzeugt. Dafür ist er harmonisch vielseitiger. Während Haynes eher in konventionelleren harmonischen Gefilden bleibt, zeigt sich Trucks eher von seiner jazzigen Seite und sorgt für eher rockuntypische Harmonien. Trotz der ausgedehnten Jams besitzen die Songs (im Gegensatz zu dem Gedudel der Grateful Dead) Dynamik und immer steuern die Jams auf Landmarken im Song zu, an denen der Song in eine andere Richtung steuert und das mit einer traumwandlerischen Sicherheit. Die Musiker verständigen sich mit wenigen Gesten. Auf der DVD sind leider nicht alle der Song- Klassiker, so fehlen die beiden Dicky- Betts Songs „Jessica“ und „In Memory of Elizabeth Reeds“. Auch die Klasse-Version von „Stormy Monday“ bleibt ausgespart, dafür gibt es den „Statesboro-Blues“.  Und eine wundervolle Version von „Soulshine“, den ich bis jetzt nur in einer Version von Gov´t Mule kannte, toller Song (den spielt Warren Haynes auf der Crossroads-DVD von 2010). Alles gipfelt in dem Wahnsinns-Song „Whippin´Post“ mit seinen ausgedehnten Silde-Soli, irre. Dieser Song war übrigens ein Lieblingssong von Frank Zappa, es gibt eine Studio-Coverversion auf dem Zappa-Album „Them or us“mit Steve Vai an der Gitarre (Hammer!) und diverse Live-Versionen der Mothers, z.B. auf „You can´t do this on stage anymore“ in einer verballhornten Version. Aber nichts geht über die Version auf dieser DVD!

Einziges Manko neben dem Fehlen von „Jessica“(da gibt’s eine wundervolle Version von Chuck Leavell auf seinem Solo-Doppelalbum)- den Brothers fehlt Live ein bisschen die Rampensau- Trucks ist eher introvertiert und Haynes, der diese Rolle bei Gov´t Mule spielt, hält sich zurück. Und Gregg Allman ist als Tastenmann und vielleicht auch altersbedingt nicht die erste Wahl dafür. Aber musikalisch ist das alles ohne Diskussion allererste Sahne.
Auf Disc 2 finden sich Interviews (gut) und ähnliches, bei meinem Exemplar (von Amazon) ist eine Probe in der Garderobe von Trucks ohne Tonspur, das nervt etwas. Aber ansonsten – 5 Sterne und eine Eintragung in der Rubrik „muß ich haben!“

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