Zehn Fragen an: Jo Harman

Die Rezension zum Debütalbum „Dirt on my Tongue“ der Sängerin Jo Harman geriet Dave Watkins vor vier Wochen zum Bekenntnis eines Fans. So ist es schlicht folgerichtig, dass er seine zehn Fragen diesmal an die britische Senkrechtstarterin im Blues stellt.

1: Was war Dein frühester Musikgeschmack und wie hast Du die Welt des Blues entdeckt?
Die Plattensammlung meiner Eltern aus der goldenen Zeit der Musik: Beatles, Stones usw. hatte einen großen Einfluss auf mich. Aber zum Blues kam ich mehr durch Aretha Franklin (die einige großartige Bluesplatten gemacht hat) und Etta James als ich in meinen späten Teenagerjahren oder Anfang zwanzig war.

2: Wer waren die Künstler, die dich dazu brachten, dass Du diese Musik spielen wolltest. Und wann stelltest Du fest, dass Du dazu das Talent hast?
Die Leute, die ich oben genannt hab und Sängerinnen wie Jill Scott und Lauren Hill. Ich glaub, ich war 24 (ziemlich spät nach den meisten Maßstäben), als ich mich entschloss, eine professionelle Sängerin werden zu wollen. Die Ermutigung von anderen (Weltklasse-)Musikern einer von meinem Manager geleiteten Band, The Soul Reality Collective, gab mir das Vertrauen, dass ich gut genug sein könnte, es zu versuchen. Die haben mit den Besten überhaupt gespielt, von Beyoncé bis zu Bob Dylan, von Bobby Womack bis Chaka Khan – wenn die also an mich glaubten, dann sollte ich auch anfangen, an mich zu glauben! Da gab es auch einen (für seine Arbeit mit Sting) Grammy-prämierten Produzenten, der mich direkt aus der Musikschule heraus unter Vertrag nehmen wollte, also nochmal: diese Profis der Musikindustrie würden das nicht machen, wenn sie nicht der Meinung wären, ich hätte etwas zu bieten, oder?

3: Deine ersten Aufnahmen – hörst Du sie immer noch an? Wie beurteilst Du sie heute? Und gibt es welche, die Du nicht mehr anhören würdest?
Meine ersten ernstzunehmenden Aufnahmen waren die mit dem Grammy-prämierten Produzenten, den ich oben erwähnt habe. Das sind gute Stücke mit einer fantastischen und teuren Produktion. Aber ich hatte die Lieder nicht selbst geschrieben und so fühlte ich mich in der Rolle niemals wirklich ausgefüllt… Ich bin ebensosehr eine Künstlerin, die etwas zu sagen hat wie eine Sängerin. Und so musste ich anfangen, mein eigenes Ding zu machen, egal wie hoch die Kosten für meine Karriereaussichten auch sein mögen. Bislang ist es ziemlich gut gelaufen, auch wenn einige Leute, die es gut mit mir meinen, damals glaubten, ich sei verrückt geworden, auf den mir gebotenen Produzenten-Deal zu verzichten.

4: Welche anderen Jobs hast Du gemacht, um Deine Musikkarriere zu unterstützen?
Als Teenager hab ich ne Menge Jobs in Büros und Cafés gemacht, das Übliche halt, aber seit ich nach dem Ende der Musikschule begann, professionell zu arbeiten, war ich glücklich genug, den Lebensunterhalt komplett mit Musik zu verdienen. Ergänzt werden die Einnahmen natürlich durch Musikunterricht oder indem ich als „voice for hire“ arbeite. Aber das wird immer weniger, seit meine eigentliche Karriere sich immermehr auch finanziell lohnend entwickelt.

5: Wie schwer ist es, von seiner Musik zu leben? Und gibt es irgend etwas, dass diese Ziel für alle Musiker einfacher erreichbar machen würde?
Yeah, es ist wirklich hart. Die Einnahmemöglichkeiten im Allgemeinen sind im Niedergang begriffen. Und wer es wie wir versucht, in der „echten“ Musik-Community zu schaffen, wäre verblendet, wenn er das nur für Ruhm und Geld machen würde. Davon abgesehen: Wenn Du Glück hast – und ich bin zur Zeit wirklich glücklich – dann fängt das Geld an herein zu kommen, wenn Du was machst, was die Menschen mögen und dich darauf konzentrierst.

6: Auf welchen Deiner eigenen Songs bist Du besonders stolz? Erzählst Du uns die Geschichte hinter dem Lied?
Ich bin stolz auf alle meine Songs auf dem Studio-Debüt. Es hat so lange gedauert, es zu produzieren, weil ich gewartet habe, bis ich wirklich bereit war – und bis ich zehn oder elf wirklich starke Songs hatte, die gut genug dafür waren. Sie erzählen alle ihre eigene Story und sind auch in gewissem Maße alle verknüpft in einer größeren Geschichte. Ich mag sie alle gleichermaßen. Wirklich, sie alle sind meine Babies. Und dann gibt es noch eine große Menge Songs, bei denen ich wünschte, ich hätte sie geschrieben, „Fragile“ etwa (das einzige Cover auf dem Album) oder „Sideways“, eine andere Nummer, die ich oft live spiele.

7: Wenn Du Dich allein oder mit Mike (dem Gitarristen) zum Schreiben hinsetzt, was kommt zuerst – der Text, die Melodie oder die Idee für ein ganzes Lied?
Das kann auf jede der drei Arten passieren – oder noch auf ganz andere Weise. Für mich gibt es keine festgelegte Art zu schreiben. Ich finde die Inspiration, wenn sie vorbeikommt, oder vielleicht findet sie eher mich?

8. Kannst Du ein Instrument spielen? Und gibt es im Bereich der Musik etwas, dass Du besitzen oder erlernen möchtest?
In der achten Klasse spielte ich Fagott in nationalen Jugendorchestern, so dass ich eine sehr gute musikalische Basis habe. Ich bin nicht die weltschlechteste am Saxophon und spiele sowohl Klavier als auch Gitarre mehr als gut genug, um daran komponieren zu können. Aber live verlasse ich mich normalerweise auf die Fähigkeiten der Experten in meiner Band.

9. Wo möchtest Du Deine Karriere gerne hinführen sehen in der Zukunft?
Ich will so weit wie möglich kommen – zu meinen eigenen Bedingungen. Es fehlt mir nicht an Ehrgeiz, aber es ist vielleicht keine so gute Idee, das öffentlich zu betonen.

Was sind Deine wichtigsten Ziele?
Ich will weiterhin so viel Spaß an meiner Karriere haben wie zur Zeit. Und eine Amerika-Tour steht auch auf meiner Wunschliste.

10: Was machst Du außer Musik am liebsten?
Fußball schauen (als Fan von Arsenal!), essen, Sport, Freunde, zurück nach Devon fahren, um Zeit mit der Famile zu verbringen, entspannen, Freundinnen, obwohl: eigentlich verschlingt die Musik zur Zeit das alles ein wenig 🙂

Zusatzfragen:

Hat dich die allgemeine Reaktion auf das Album überrascht oder hast Du insgeheim gehofft, sie wäre derartig gut?
Ich hab nicht darüber nachgedacht. Ich wollte das beste Album machen, zu dem ich fähig war. Und wenn Du anfängst, über mögliche Reaktionen von außerhalb nachzudenken, dann beginnst Du, Deine Kunst zu verwässern oder gar zu vergiften. Ich glaube, ich war in einer sehr abgeschirmten Lage, so dass die – das muss mal gesagt werden – großartigen Rezensionen langsam hereinkamen, sie ein wenig von mir abgeprallt sind. Sie machen das immer noch. Irgendwie ist das alles bei mir noch nicht richtig eingedrungen, und mein Manager, der eine Menge Erfahrung in solchen Dingen hat, erinnert mich laufend daran, dass eine solch starke Reaktion auf ein Album in den seltensten Fällen vorkommt. Und ich solle mich über den Fakt freuen, dass das der Meinung vieler Menschen nach ein „wichtiges“ Album ist. Besonders dankbar bin ich dafür, wie viele aus der Rock-Community das Album angenommen haben, obwohl es bestimmt nicht all das beinhaltet, was sie erwartet haben (um es gelinde auszudrücken). Die Kritiken waren wirklich positiv und ich bin wirklich froh, dass Menschen von dem Album betroffen, bewegt, gerührt wurden – oder was auch immer dafür die richtigen Worten sind. Für einen Künstler ist das Alles.

Gibt es irgendwelche Nachteile beim Leben on the road?
Yeah, eine Menge. Es ist ermüdend und anstrengend und man verliert andauernd Zeit irgendwo anders. Aber ich liebe die Seite mit den Auftritten, die Kameradschaft (unsere Gruppe besteht nicht nur aus großartigen Spielern sondern ebenso aus großartigen Menschen) und die Menschen, denen man in den Auftrittsorten begegnet: Promoter, Fans und wer auch immer sind meist wirklich prima Typen. Die Arbeitszeiten können ganz schön verrückt sein. Oft kommen wir heim, wenn andere Leute zur Arbeit gehen. Manchmal fahren wir 16 Stunden oder so, nur um dann bei einem Auftritt gerade mal 20 Minuten zu spielen. Aber das ist es, was wir machen und so funktioniert die Live-Szene nun mal. Jede Band on the road muss da durch. Und wir sind da nicht anders.

Was war die letzte CD von einem anderen Künstler, die Du gehört hast?
James Maddock – Another Life. Eine Killerscheibe. James erzählt einfach – ähnlich wie ich – seine Geschichte und ich zumindest kann da einfach mitfühlen. Auf dieser Seite des Atlantiks erscheint das Album meiner Meinung nach im Mai.

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