Es ist schwer, ein Genie zu sein. Seit Jahren bemüht sich Keith Jarrett darum, die immensen Erwartungen, die seine Fans seit The Köln Concert an ihn stellen, sowohl zu erfüllen, als auch zu konterkarieren. Als Meister der Geläufigkeit und Pionier neoromantischer Innerlichkeit hat er den Kammerjazz der Siebziger und die neue Lust an der alten Melodie in den Achtzigern initiiert, um schließlich mit „La Scala“ mal das Idiom der Versenkung oder mit „Tokyo ’96“ mal die Kunst der anspruchsvollen Gefälligkeit zu pflegen. Das Ganze garniert er mit ein wenig Bach und etwas Mozart, so daß man Jarrett nach drei Dekaden des Erfolges bedenkenlos als einen der letzten großen Ästheten feiern kann.

Insofern ist The Melody At Night, With You ebenso konsequent wie ungewöhnlich. Einerseits widmet sich der inzwischen 54jährige Pianist und Komponist aus Allentown, Pennsylvania, auf seinem Solo-Album bekannten Melodien des Great American Songbook, die er im vergangenen Winter mit kammermusikalischer Intimität in seinem Studio in New Jersey archiviert hat. Auf der anderen Seite aber verzichtet er auf die früheren Demonstrationen pianistischer Artistik. Seine Gershwin- oder Jerome Kern-Impressionen sind verhaltene Meditationen, die mit quasi-klassischer Transparenz und pointierter Detailfreude die wirkungsvolle Reduktion der musikalischen Vorlagen ausloten. So entsteht eine Sammlung zehn feinsinniger Albumblätter, die Jarrett als geläuterten Modernisten präsentiert. Denn die frühere Redundanz der Töne verwandelt sich in eine komprimierte Klangaussage und der Heißsporn der Improvisation wird zum Verehrer der Klarheit. Das beste Jarrett-Album seit langem. –Ralf Dombrowski