Diana Krall hat seit ihrem letzten, mit Platin und Grammys verwöhnten Album The Look Of Love einiges erlebt: Schönes, wie die Heirat mit dem britischen Song-Genie Elvis Costello, und Tragisches, wie den Tod ihrer Mutter. Die Kerben in ihrer bislang so glamourös wirkende Biografie blieben natürlich nicht ohne Wirkung — auch musikalisch. Dennoch gehört auch eine Portion Mut dazu, wie sie sich mit ihrem neuen Album The Girl In The Other Room präsentiert.

Sie setzt auf Risiko — und kann dabei höchstens an Profil gewinnen. Denn unter kommerziellen Gesichtspunkten betreibt die Kanadierin mit Wohnsitz New York ein verwegenes Vabanque-Spiel. Schließlich hätte sie bequem weiter auf ihre Erfolgsformel setzen können: gefälligen Jazz-Standards und Burt Bacharach ein Prise Sex einzuhauchen. Doch was macht Diana Krall? Sie zeigt ihr ungeschminktes Gesicht und offenbart dabei einen Blick in ihre Seele.

Von einer Hand voll hochkarätiger Musiker begleitet (darunter Drummer Peter Erskine und Bassist Christian McBride), interpretiert sie einerseits mit gewohnt cooler Verve aber neuer Intensität ein halbes Dutzend, für sie recht ungewöhnliche Songs. Zum Beispiel den Opener „Stop This World“, ein träger Shuffle von Blues-Veteran Mose Allison; oder „Temptation“, ein Schmuckstück aus der Kollektion von Tom Waits; oder die Verneigung vor ihrer Landsmännin Joni Mitchell — „Black Crow“. Schwerfällig wie der Mississippi im Hochsommer schiebt das in der Interpretation von Bonnie Raitt bekannt gewordene „Love Me Like A Man“ daher, ein weiterer pechschwarzer Blues.

Die andere Hälfte der CD sind Eigengewächse aus dem Hause Krall/Costello. Wer bei diesen Genen auf wahre Song-Wunderkinder hofft, liegt nicht so ganz falsch. Titel wie der ungeheuer dynamisch swingende Titelsong, der Big-City-Blues „I’ve Changed My Address“ oder das bei aller Melancholie irgendwie hoffnungsfrohe „Departure Bay“ sind prächtige Beispiele für höchste Songschreiber-Kunst. Vier-, Fünf-Minuten-Werke, die einfach alles haben: Geist, Sex, Hirn, Herz, Gefühl — und die ihren Stammbaum nicht verleugnen können. So lassen sich die rauchige Stimme, das flinke Händchen am Klavier natürlich klar Diana Krall zuschreiben, die hintergründige, metaphernreiche Wortgewalt und die raffinierten Melodiebögen und -wendungen sind dagegen ganz Elvis Costello.

Fazit: Das schöne Gesicht des Jazz hat seine ersten Falten bekommen — und ist dabei nur noch attraktiver geworden. Ein Meisterwerk! –Gunther Matejka