Bob Dylans inzwischen beispiellose Plattenkarriere ist eine Saga voller unerwarteter Wendungen. Wir erinnern uns: Er hatte angefangen, nochmal mit Daniel Lanois als Produzenten zu schinden und mit ihm 1997 Time Out Of Mind aufgenommen, sein stimmigstes und bestes Album seit beinahe einem Jahrzehnt. Fortschrittlich ist der Altmeister der musikalischen Trendsabotage und des beziehungsreichen Wortspiels nochmal da: mit der am besten durchdachten und gespielten Songkollektion seit Oh Mercy, einer weiteren Lanois-Produktion aus dem Jahr 1989.

Schon wenn der erste Titel „Tweedle Dee & Tweedle Dum“ eingeblendet wird, ist zu spüren, dass die große Tourerfahrung Dylan und seine Band (inklusive Charlie Sexton an der Gitarre) zu einer schlagkräftigen musikalischen Einheit gemacht hat. Dylans nölig-raue Stimme klingt wie eh und je; das Erstaunliche hier sind die Songs. Das Midtempo-Unvollendetes „Mississippi“ steht mit seiner soliden Melodie den besten Titeln auf Time Out Of Mind, für das es eigentlich bekannt als geschrieben wurde, in nichts nach. Die R&B-Swing-Nummer (ja, Swing!) „Summer Days“ wird von Dylan überzeugend intoniert.

„Honest With Me“ („I’m not sorry for nuthin‘ I’ve done / I’m glad I fight, I only wished we’d won“) ist ein treibender, druckvoller Rocksong. Das entspannte „Ciao And Ciao“ und das erzählende „Floater (Too Much to Ask)“ zeugen von außerordentlichem Selbstbewusstsein. Dylan selbst bezeichnet diese Songs als „bluesorientiert“, freilich nun derjenige Titel, von dem man zwar am ehesten typische Bluesklänge erwartet, „High Water (for Charlie Patton)“, klingt — und das ist nochmal einmal typisch Dylan — wie eine banjobetonte Wildwestballade. Jedoch das ist abschließend Dylans Gabe: immer von Neuem zu überraschen. –Robert Baird