Audio CD
Man muss sich das so vorstellen: Eines Tages ruft Annette Humpe bei Max Raabe an. Sie sagt, ihr sei kürzlich eine Songzeile eingefallen, eine gute Songzeile, so gut, und gleichzeitig so wahr, man wundert sich, dass noch keiner darauf gekommen ist. Die Zeile heißt: „Küssen kann man nicht alleine“.jetzt gibt es dieses Album. Annette Humpe und Max Raabe haben zusammen die zwölf Songs geschrieben. Die meisten handeln von der Liebe, viele erzählen eine kleine Geschichte, alle sind überraschend. Und zeigen einen überrschand neuen Max Raabe. Der Frack ist ab! Der Sound und die Texte zeigen deutlich: Max Raabe 2011 hat sich verändert.
Es gibt sie noch, die musikalischen Glücksfälle, so wie hier das neue Album von Max Raabe mit dem Titel Küssen kann man nicht alleine. Es vermittelt auf erstaunliche Weise eine greifbare Ahnung dessen, was in der Vergangenheit an der Neuen Deutschen Welle so liebenswert und faszinierend war. Kein Wunder, wurden die Stücke doch produziert und mitgeschrieben von einer ihrer Ikonen; -Annette Humpe. Seit ihrer Zeit als Sängerin und Keyboarderin der Band Ideal, verkörpert sie bis heute die gelungene Gratwanderung zwischen Ironie und Melancholie, mit einem tiefgründigen Wortwitz, der zahllose Bands inspirierte und dem Lebensgefühl der 80er Ausdruck verlieh. Keine Sorge: Küssen kann man nicht alleine ist schon aufgrund seiner orchestralen Arrangements und dem (bis auf dezentes Besenspiel) fehlenden Schlagzeug keine stilistische Neuauflage der Neuen Deutschen Welle geworden. Dennoch verkörpern ausnahmslos alle Stücke deren allerbeste Werte, nämlich Texte, die den vermeintlichen Banalitäten des Alltags das Besondere entreißen und Musik, der zuzuhören sich in höchstem Maße lohnt, all das ohne überhöhten intellektuellen Anspruch, jedoch auch ohne Abgleiten in platte Spaßkultur. Doch was wir als Leichtigkeit wahrnehmen, als das scheinbar Mühelose, ist in Wahrheit eine Königsdisziplin, ähnlich dem Genre der Komödie, in welcher Tragik und Komik so dicht nebeneinander wohnen. Wie gelungen jene Absicht auf diesem Album umgesetzt ist, darauf weist schon allein der Titel hin: Küssen kann man nicht alleine. Worte, die Annette Humpe eher zufällig in den Sinn kamen und dabei an Max Raabe denken ließen, weil sie so nach ‚Chanson‘ und ’20er Jahre‘ klangen. Dass sie zu einer Textzeile wurden, dann zum Titel eines Liedes und schließlich zu einem ganzen Album, war der erste Glücksfall von vielen weiteren, darunter vor allem die kongeniale Zusammenarbeit mit Max Raabe. Dessen Gesangsstil ist schlanker und zeitloser geworden als früher, ohne den gewohnt näselnden Ausdruck beim Vortrag nostalgischer Schlager. Sämtliche Stücke aus gemeinsamer Feder (Ausnahme: „Krank vor Liebe“) mussten ihre Tauglichkeit fürs Album zunächst an Klavier, Gitarre oder sogar „A Cappella“ unter Beweis stellen, bevor Christoph Israel, Pianist und langjähriger Begleiter Raabes, als Arrangeur hinzugezogen wurde. Herausgekommen ist ein Album mit 12 Stücken zwischen Heiterkeit und Wehmut und dennoch wie aus einem einzigen Guss. Das allein wäre schon mehr als Grund genug für Begeisterung. Getoppt wird das Ganze jedoch von der gleichnamigen Doppel-CD. Während das reguläre Album ausschließlich digital entstand, wurde die zweite CD des Sets traditionell mit dem Palast Orchester und weiteren Musikern eingespielt. Ein echter Ohrenschmaus, der sich nicht nur für Fans als ein Must-Have entpuppt. Wem das noch nicht genügt, kann getrost zu der limitierten Deluxe-Edition greifen, die zusätzlich eine DVD mit Video- und Interviewmaterial beinhaltet. — Andreas Schultz