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Dienstag, 03 Februar 2009

"Macht diesen Staat zu Gurkensalat!"-Punk in der DDR

Musikliteratur

Wir wollen immer artig sein", herausgegeben von Ronald Galenza und Heinz Havemeister schildert das Aufkommen der Punkszene in der DDR.
Überall wohin´s Dich führt
Wird Dein Ausweis kontrolliert
Und sagst du einen falschen Ton
Was dann geschieht, du weißt es schon (Planlos, 1981)
Sie sitzen ganz oben in hohem Amt
Sie sind allmächtig, sie regieren das Land
Gesetze aus Gummi, Schutz ihrer Macht
Das Volk ist beschnitten und wird überwacht
Gedanken werden sterilisiert
Worte durch Zensur kastriert
(Schleim-Keim, Text: Otze 1984)

Seit Mitte der 70er lief in der DDR die Jugend aus dem Ruder. Es hatte schon in den 50ern die sog. Halbstarken- bzw. Rowdybewegung gegeben, ab den 60ern auch die Blueser- oder Kundenszene (hervorragend dokumentiert in dem Buch „Bye, bye Lübben City“, Hrsg. M. Rauhut und Th. Kochan, Schwarzkopf & Schwarzkopf). In den 70er gab es so etwas wie einen frischen Wind in der Kulturszene und im täglichen Leben, zu spüren z.B. bei den Weltfestspielen in Berlin 1973, zu denen Renft den Song „Ketten werden knapper“ (ausgerechnet!) beisteuerte und selbst Wolf Biermann etwas Aufwind bekam. Das war spätestens mit der Ausweisung Biermanns 1976 und dem danach einsetzenden Exodus eines Teils der Kulturelite vorbei.

Wirtschaftlich wurde es auch immer enger - Ende der 80er war die Illusion vom weiter steigenden Wohlstand dahin. Teilweise wurden Schokolade und Kaffee knapp. Ab 1981 brauchte die UdSSR mehr Geld für ihren Afghanistan-Krieg und verknappte die Erdöllieferungen an die sog. „Bruderländer“, die jetzt Weltmarkpreise berappen mussten. Das hatte Folgen. Die Innenstädte verfielen in einem erschreckenden Maße, die Infrastruktur ebenfalls (die Autobahn zwischen Dresden und Karl-Marx-Stadt wurde im Volksmund „die Treppe“ genannt). Einen Eindruck von der geistigen Repression in dieser Zeit bekommt man, wenn man den mit dem Büchner-Preis gekrönten Roman „Der Turm“ von Uwe Tellkamp liest. Während in der beginnenden Kohl- Ära in Westdeutschland sich ein postmoderner Hedonismus entwickelte („Ich will Spaß, ich will Spaß!“), begann im Osten die Agonie.

In dieser Zeit entwickelte sich auch in der DDR eine Punkszene, dokumentiert in dem o.g. Sammelband, der Protagonisten der damaligen Szene zu Wort kommen lässt. Die Jugend hatte die Schnauze voll von der Erwartung auf ein dürftiges Leben in genormten Plattenbausiedlungen und der Erwartung, nach 15 Jahren Bestellfrist einen Trabant zu bekommen, von der Aussicht auf ein irgendwie sinnvolles Leben ganz zu schweigen. Einer der damaligen Musiker beschreibt in seinem Text ganz konkret, wie ihn nach der Lehre die Aussicht ankotzte, die nächsten 45 Jahre jeden Tag in derselben Betriebskantine essen zu gehen. Er wurde Punk.

Die Punkszene konzentrierte sich anfangs auf die großen Städte, in Berlin besonders am Alex und im Plänterwald, einem Vergnügungspark. 1981 wurde die erste große Verfolgung der Punks von der Staatseite aus begonnen, viele Punks wurden wegen „Rowdytum“ oder „Zusammenrottung“ verhaftet und länger weggesperrt, ein Teil wurde zur Armee eingezogen, viele bekamen Berlinverbot (ein probates Mittel schon gegen die Bluesszene) und provisorische Ausweise, die es den Inhabern quasi unmöglich machte, den Wohnort zu wechseln oder ins Ausland zu reisen. Trotzdem entwickelte sich die Szene weiter, entwickelte ihre eigenen Dress-Codes und eigene Musik. Ab 1982-83 war die Punkszene wieder präsent, es entstanden eigene Bands. Um diese Zeit war ich (als Blueser) Mitglied einer Lehrlingsband in Potsdam, die aus zwei Punks und zwei langhaarigen Bluesfans bestand, was um diese Zeit herum nicht die Regel war. Das Buch berichtet von häufigen gewaltätigen Auseinandersetzungen zwischen Punks und Langhaarigen.

Die Punks waren aber nicht nur Opfer der staatlichen Gewalt, sondern auch Gegenstand der „normalen“ Gewalt der verspießten Bürger, die im repressiven System DDR ihre Aggressionen und ihren Frust gegen alle anders Aussehenden richteten, allerdings nicht nur gegen Punks. Ich selbst musste in Berlin mal eine Kneipe durch das Fenster verlassen, um nicht Opfer eines Mobs zu werden, denen die langen Haare nicht passten.

Neu für mich in dem Buch waren die Kapitel über die Skins. In einigen Kapiteln wird der gemeinsame Beginn dieser Szenen beschrieben, die sich erst später differenzierten. Mir war nicht klar, dass Skins a priori apolitisch waren und später, besonders durch die Vermischung mit den radikalen Fußballfans, nach rechts abdrifteten. Beeindruckend ist, dass schon zu DDR-Zeiten ausgerechnet der BFC Dynamo, also der Fußballklub der Staatssicherheit, zu dessen Spielen Stasi-Chef Erich Mielke regelmäßig erschien, sage und schreibe 9 rechtsgerichtete Fanklubs hatte. In einigen Fotos des Buches (witzigerweise meist Beobachtungsfotos der Stasi) werden deren rechtsgerichteten Banner gezeigt. Unglaublich! Die schnelle Feindschaft zwischen den eher linken Punks und rechten Skins eskalierte am 17.10. 1987, als Skins ein Konzert der ostdeutschen Punkband „Die Firma“ und der westdeutschen Band „Element of Crime“ in der Berliner Zionskirche überfielen und die dort anwesende „Volkspolizei“ nicht eingriff. Danach tauchten in den DDR-Medien erstmals Berichte über Rechtsradikale auf. (Die Untersuchung des Fortlebens nationalsozialistischer Lebens- und Ausdrucksformen in der DDR wäre eine eigene Studie wert- immerhin bauten Ex-Nazis die NVA auf, deren Innendienst-Uniformen komplett von der Wehrmacht übernommen wurden, so dass für Defa-Filme über den II. Weltkrieg nur die Embleme getauscht werden mussten. Der Dissident Robert Havemann, der schon unter den Nazis im KZ gesessen hatte, wurde von ehemaligen Nazis, die es dann bis ins Zentralkomitee geschafft hatten, drangsaliert; von den Formen der Militarisierung des öffentlichen Lebens z.B. durch den Wehrkundeunterricht und dem als Antizionismus getarnten Antisemitismus mal ganz zu schweigen- usw. usw.)

Das Buch bietet umfangreiche Informationen über die Punkmusikszene, die offiziell ja nie existierte. Auftrittsmöglichkeiten waren nur auf privaten Partys gegeben, später in kirchlichen Räumen. Teilweise existierte eine lebhafte Undergroundszene, die Tapes (ostdeutsch Kassette oder Magnettonband genannt) informell verbreitete. Zwei Bands, die Erfurter Band „Schleim-keim“ und die „Zwitschermaschine“ schafften es mit Hilfe des Szene-Gurus (und Stasi-Spitzels) Sascha Anderson, Aufnahmen in den Westen zu schmuggeln. Diese erschienen dann unter dem Namen „DDR von unten“. „Schleim-Keim“ nannten sich auf dieser Platte Sau-kerle, was sie aber nicht vor der wütenden Reaktion der Staatsmacht schützte. Es gab eine relativ große Anzahl von Bands: AG Geige, die Art, Die Firma, Feeling B, Schleim-Keim, Big Savod & the Deep Manko, die anderen, Herbst in Peking und viele, viele mehr. Die Bands fuhren teilweise unterschiedliche Kurse- Bands wie Sandow versuchten eine vorsichtige Annäherung an die offiziellen Kulturkanäle. Offiziell gespielt wurde diese Musik nur z.B. durch den Mitarbeiter des Radio-Senders DT64 Lutz Schramm, der eine Sendung mir diesen „anderen“ Bands begann. Feeling B durften 1989 eine Platte bei Amiga machen, die dann durch die Wende eher unterging und heute fast ein Sammlerstück ist. Die Band taucht auch in dem Defa- Dokumentarfilm „Flüstern und Schreien“ auf. Der Herausgeber des Buches Robert Galenza schrieb früher Texte für etablierte Bands wie Pankow („Er will anders sein“).

Auch die Punkszene wurde von der Stasi unterwandert- es gab berühmte Beispiele, wie Sascha „Arschloch“ (wie er von Biermann, der dessen Stasitätigkeit öffentlich machte, tituliert wurde) Anderson oder die Sängerin der „Firma“.

Literarisch standen Dichter wie Bert Papenfuß der Punkszene nahe- auch er ist mit Texten in dem Band vertreten (er war Ende der 80er Gast der evangelischen Studentengemeinde in Greifswald im Jakobiturm)

Aus dem Buch wird auch deutlich, wie hilflos die Staatsmacht letztendlich dem Phänomen Punk gegenüber war. Die Punks waren nicht für oder gegen die DDR, sie suchten keine Systemkritik oder –verbesserung, sie wollten nur ihr Ding machen. Im Gegensatz zu kirchlichen Oppositionsgruppen, die letztendlich eine Verbesserung der Zustände anstrebten (es gab keine fundamentale Opposition in der DDR- fast alle 1989 veröffentlichten Oppositionspapiere streben entweder demokratische Reformen innerhalb des Systems oder einen sog. Demokratischen Sozialismus an). Mit der Welt der Punks, die irgendwie aus dem Koordinatensystem der DDR hinausfielen, war die Staatsmacht überfordert und dieser Zustand hielt bis zur politischen Wende an.

Die Punkszene hatte nach dem Ende der DDR dann aber auch ihren Bezugspunkt verloren. Das repressive System, als dessen Gegner sie sich vielleicht sahen, wechselte in eine für sie ebenso fremde Ordnung. Codes in den Texten, in der Kleidung änderten sich schlagartig; Abgrenzungen machten keinen Sinn mehr in einem neuen System, das nach Vermarktungsfähigkeit fragte. Kaum eine Band überlebte lange. Der Sänger der (Blues-) Band Freygang, Andre´ Greiner-Pohl, der auch mit der Band „Die Firma“ unterwegs war, gründete mit Flake, einem Musiker von Feeling B eine politische Initiative und stellte sich 1990 zur Wahl (bei YouTube ist diese Initiative „Wydok“ dokumentiert). Er stand auch hinter der Besetzung des heute noch existierenden Kulturzentrums „Tacheles“ in der Oranienburger Straße.

Einige Musiker nahmen ein tragisches Ende- der legendäre Punk Otze erschlug seinen Vater mit der Axt und starb später unter zweifelhaften Umständen in der Psychatrie. Aljoscha Rompe, Sänger von Feeling B, bekam seine Karriere nicht mehr in den Griff und starb an einem Asthmaanfall (an seinem Grab kam es noch mal zu einem Feeling B-Auftritt). Lt. Verzeichnis der Zeitung „Zonic“ und des besprochenen Bandes hatten ein Großteil der Musiker und Protagonisten der Szene auch nach der Wende problematische Lebensläufe.

Andere Musiker wie die der eher aus dem Kunstbereich stammenden „Zwitschermaschine“ sind heute etablierte Akademiker.

Richtig erfolgreich wurden einige Musiker von Feeling B, die jetzt als „Rammstein“ den wohl auch international erfolgreichsten deutschen Rock- act betreiben.

Neben dem besprochenen Band gibt es andere Informationsquellen über die Szene- das Periodikum „Zonic“, ebenfalls mit herausgegeben von Roland Galenza , erscheint im Zeitschriftenhandel. Der gleiche Herausgeber hat auch eine Dokumentation über die sog. Magnettonbandszene in der DDR veröffentlicht. Der Keyborder Flake von Feeling B (heute bei Rammstein) hat Erinnerungen und bis dato unveröffentlichtes Material über Feeling B gesammelt und in Buchform herausgegeben. Auf YouTube gibt es interessantes Material, u.a. einen Bericht über einen Ausflug ehemaliger Szenegänger mit dem legendären DJ John Peel auf der Spree, leider mit einem furchtbar nervenden Audiokommentar.

Insgesamt ist das Buch eine lohnende Lektüre, zumal wenn man Berührungspunkte mit der Szene hatte. Viele der Fotographien stammen übrigens von dem ehemaligen Greifswalder Robert Conrad, der Ende der 70er und Anfang der 80er in der Experimentalfilmszene in Greifswald aktiv war und 1987 (?) als Theologiestudent (und Kommilitone des Bluespfaffen) von der Uni Greifswald zwangsweise exmatrikuliert wurde.

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Kommentare

Recht hat er, der olle Holger. Das Konzert war Gänsehaut inclusive.

steve steve

Zuhören, mitgrooven ... auch gerade live ein Erlebnis, mit ungeheurer Spielfreude spielen die Herren auf ... die CD spiegelt dies...

Torsten Rolfs Torsten Rolfs

Jaaaa das ist eine tolle Scheibe, nur reingehört bei amazon ... aber die muss ich im Regal haben herrlich ... und ohne Bass und Gitarre,...

Torsten Rolfs Torsten Rolfs

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